Pierre Fauchard

Pierre Fauchard (1678 –1763)

Seine Kunst galt einem Bereich des menschlichen Körpers, den die Ärzte seit jeher arg vernachlässigt hatten: den Zähnen. Pierre Fauchard wurde zum Begründer der Zahnheilkunde und war damit der erste echte Zahnarzt in der Geschichte der Medizin.

Dass Pierre Fauchard einmal Chirurg und dann auch noch der erste echte Zahnarzt der Geschichte werden würde, war anfangs noch keineswegs abzusehen. Er wurde am 2. Jänner 1678 in Saint-Denis-de-Gastines in der Bretagne geboren und war Sohn eines Webers. Seine Beschäftigung mit Zahn- und Zahnfleischproblemen begann, nachdem er im Alter von 15 Jahren in die französische Marine aufgenommen wurde. Die Erkrankungen des Mundes, des Zahnfleisches und der Zähne waren bei der Marine durchaus ein Thema, weil die schwere und gefürchtete Seefahrerkrankheit Skorbut, die durch Vitamin-C-Mangel hervorgerufen wird, u.a. das Zahnfleisch und die Zähne betraf.

Später heiratete Fauchard die Witwe eines Chirurgen, wurde selbst Chirurg und eröffnete 1719 eine Zahnarztpraxis in Paris. Als er zu praktizieren begann, war die „Behandlung“ der Zähne noch immer die Domäne von Barbieren. Die Barbiere verstanden sich als Meister des Zähneziehens und demonstrierten ihre zweifelhaften Künste nicht selten im Rahmen öffentlicher Vorstellungen. Die Schmerzen ihrer bemitleidenswerten Patienten waren ihnen ziemlich egal, und sie zeigten keinerlei Interesse daran, Zähne zu erhalten.

Gegen die Barbiere

Barbiere waren es auch, die bald zu erbitterten Gegnern des jungen Chirurgen und Zahnarztes Fauchard wurden. Der verfolgte nämlich ganz andere Ziele: die wahren Ursachen von Zahn- und Kieferkrankheiten herauszufinden und Zähne so lange wie möglich zu erhalten.

Die Abneigung war durchaus gegenseitig. Fauchard gab den Barbieren die Schuld daran, dass allen, die sich mit den Krankheiten und der Gesundheit der Zähne beschäftigten, der unangenehme Geruch des Betrügertums anhaftete. Er beschimpfte Barbiere als Scharlatane und versuchte immer wieder, sich und die Zahnmedizin gegen deren Machenschaften abzugrenzen. Dafür erfand er sogar eine neue Berufsbezeichnung, die des chirurgischen Dentisten (von lat. dens „Zahn“).

Pierre Fauchards unermüdliches Engagement für die Aufwertung der Zahnmedizin war erfolgreich. Immer mehr Ärzte wandten sich diesem lange vernachlässigten Bereich der Medizin zu, und schließlich wurde den Barbieren das Zähneziehen sogar behördlich verboten. Fauchards eigene Praxis lief gut. Er zählte u.a. namhafte Ärzte und viele Adelige zu seinen Patienten. Bald schon war er ein wohlhabender Mann. Als seine erste Frau starb, heiratete er die Tochter eines in Paris und Frankreich berühmten Theaterschauspielers. Als er 1763 im hohen Alter von 83 Jahren starb, hinterließ er ein beträchtliches Vermögen.

Das Ende des Zahnwurms

Zu den zahlreichen großen Leistungen Fauchards gehört auch ein Lehrbuch, das als erstes überhaupt die Zahnheilkunde detailliert beschrieb und rasch ein Standardwerk wurde. Darin bereitete Fauchard u.a. auch der alten und weit verbreiteten „Zahnwurm“-Theorie ein Ende. Seit der Antike führte man Zahnschmerzen und Löcher in den Zähnen, eitriges Zahnfleisch und ähnliche Beschwerden im Mund auf das unheilvolle Wirken angeblicher Zahnwürmer zurück. Obwohl sie in Wirklichkeit keiner je gesehen hatte, gab es so manches Rezept gegen sie. Schließlich wurde auch das Tabakrauchen als geeignetes Mittel empfohlen. So mancher Barbier machte sich den Glauben des Volkes an die Zahnwürmer zunutze, wenn er bei öffentlichen Vorstellungen plötzlich einen Wurm aus dem Mund eines Patienten zog.

Fauchard jedoch widersprach der „Zahnwurm“-Theorie. Er habe oft durch das Mikroskop auf Zähne geblickt und niemals auch nur einen einzigen Wurm gesehen. Stattdessen erkannte er, dass vor allem Zucker den Zähnen und dem Zahnfleisch schadet, und entdeckte damit den wahren Grund für Karies. Er empfahl, den Genuss von Zucker und zuckerhaltiger Speisen so weit wie möglich einzuschränken.

Fauchard wandte sich zu recht gegen die verbreitete Ansicht, dass Milchzähne keine Zahnwurzeln haben, beschäftigte sich mit Zahnfüllungen aus Blei, Zinn und Gold und mit der Transplantation von Zähnen. Er beschrieb als erster die Symptome einer Zahnfleischentzündung und zeigte, dass die gebräuchliche Methode, Salpetersäure zur Entfernung von Zahnstein zu verwenden, weitaus schädlicher als wirksam war. Zur Reinigung der Zähne empfahl er kleine Bürsten mit harten Schweineborsten, aber auch Schwämme und Lappen. Seine Erkenntnisse führten schließlich zur Erfindung der Zahnbürste in ihrer heutigen Form.

Eine rasante Entwicklung

Mit und nach Pierre Fauchard machte die Zahnmedizin große Fortschritte. Die weitere Entwicklung dieses bedeutenden Teilbereichs der Medizin führte zu Entdeckungen, die auch für andere medizinische Fächer von größter Bedeutung waren. So ist z.B. die Erfindung der Äthernarkose Zahnärzten zu verdanken. Im Gegenzug profitierte die Zahnmedizin enorm von der Lokalanästhesie, der ein Augenarzt den Weg bereitete, und der Entwicklung immer besserer lokaler Betäubungsmittel. Und als der Physiker Wilhelm Conrad Röntgen am Ende des 19. Jahrhunderts die Röntgenstrahlen entdeckte, bescherte er der Kiefer- und Zahnheilkunde ganz neue und bis heute gebräuchliche diagnostische Möglichkeiten.

Werner Thelian