Gutenberg II: Ein großartiges anatomisches Lehrbuch

Illustration aus Vesals Werk. Abbildung: Wikipedia.

Rund 75 Jahre nach Gutenbergs Tod machte sich der Arzt und Anatom Andreas Vesalius (1514 – 1564) Gutenbergs Erfindung des Buchdrucks mit beweglichen Lettern zunutze. Er konzipierte und schrieb ein anatomisches Lehrbuch, wie es die Welt bisher nicht gesehen hatte. Das Buch, in Basel gedruckt, nahm in der Geschichte der Medizin, aber auch in der der Buchdruckerkunst von Anfang an einen besonderen Stellenwert ein. “De humani corporis fabrica” wurde schon in der ersten gedruckten Auflage ein Werk mit 663 Seiten mit 400 außergewöhnlichen Illustrationen, die den Lesern einen Einblick in das Innere des menschlichen Körpers ermöglichten.

Einer der berühmtesten Pioniere der Anatomie und zugleich wohl der unerschrockenste unter ihnen war der flämische Arzt und Gelehrte Andreas Vesal, auch Vesalius genannt. Wie kaum ein anderer vor und nach ihm war er geradezu besessen davon, dem Bauplan und den Geheimnissen des menschlichen Körpers nachzuspüren. Vesalius, der nicht davor zurückschreckte, Grenzen zu überschreiten und althergebrachte Tabus zu brechen, ging durch seinen unstillbaren Forscherdrang und eines der bedeutendsten anatomischen Lehrbücher aller Zeiten in die Medizingeschichte ein.

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Schon 1538 hatte der 1514 in Brüssel geborene Andreas Vesal sechs anatomische Lehrtafeln veröffentlicht. Damals war er Anatomieprofessor in Venedig und nützte die Tafeln zunächst vor allem als Anschauungsmaterial im Rahmen seiner chirurgischen und anatomischen Vorlesungen. Während drei Tafeln dem Netz der Adern im Körper gewidmet waren, zeigten die anderen detaillierte Darstellungen des menschlichen Skeletts.

Für die qualitativ hochwertigen Zeichnungen, auf deren besondere Detailtreue Vesal von Anfang an großen Wert legte, war es dem Professor gelungen, den Maler, Grafiker und Holzschneider Jan Stephan van Calcar (1499 – 1546) zu gewinnen. Calcar, der ebenfalls vom Niederrhein stammte, aber mit einer Frau nach Venedig durchgebrannt war, hatte sich als Tizian-Schüler einen Namen gemacht. Die Zeichnungen, die Calcar im Auftrag Vesals schuf, erwiesen sich jedenfalls als besonders brauchbar für den Unterricht. Sie fanden nicht nur bei den Studenten, sondern auch bei einigen Professoren und Ärzten großen Anklang.

Vesal sah sich durch den großen Erfolg der Tafeln in der Absicht bestärkt, weitere wissenschaftliche Studien von zumindest ähnlich hoher Qualität zu veröffentlichen. Schließlich begann er, von der Zusammenarbeit mit Calcar beeinflusst, mit der Arbeit an einem monumentalen Lehrbuch der Anatomie. Um sein ehrgeiziges Ziel zu erreichen, war er bereit, weder Kosten noch Mühen zu scheuen. Vesal wollte in dem Werk die zahlreichen Irrtümer der antiken Ärzte aufdecken und richtigstellen und es sogar wagen, den große Galen und seine Lehren zu kritisieren und zu korrigieren. Ein äußerst wagemutiges Unterfangen.

Ein Buch wie kein anderes

Tatsächlich wurde die Arbeit an diesem Lehrbuch zu einer gewaltigen Herausforderung für den Flamen. Er verfasste nicht nur ein umfangreiches Manuskript, sondern verbrachte viel Zeit damit, die Zeichner und Holzschneider – wahrscheinlich war auch Calcar unter ihnen – zu instruieren und zu koordinieren. Als die Arbeiten 1542 endlich soweit vorangekommen waren, dass man an die Drucklegung des Werkes denken konnte, reiste Vesal höchstpersönlich über die Alpen in die Schweiz, um in Basel den Druck der ersten Auflage zu überwachen.

Das Ziel seiner Reise war die Druckerwerkstatt von Johannes Herbst, der in den gelehrten Kreisen seiner Zeit vor allem als Johannes Oporinus (1507 – 1568) bekannt war. Oporinus war der Sohn eines Malers, hatte selbst eine akademische Ausbildung absolviert, war Professor gewesen und hatte schließlich bei dem bedeutenden Basler Buchdrucker Johann Froben (um 1460 – 1527) das Druckerhandwerk gelernt. Darüber hinaus war Herbst alias Oporinus einige Zeit lang Sekretär von Paracelsus gewesen, ehe er sich ganz der Buchdruckerkunst widmete.

Monatelang überwachten Vesal und Herbst gemeinsam den Druck des gewaltigen Werkes. Vesal las Korrektur, war mit Änderungen und Ergänzungen beschäftigt und blickte, wenn gerade nichts anderes zu tun war, den Druckern bei ihrer Arbeit über die Schultern. Und dann war das Werk, das den lateinischen Titel “De humani corporis fabrica” (dt. “Über den Bau des menschlichen Körpers”) trug, endlich fertig.

Das Ergebnis konnte sich wahrlich sehen lassen. Jede der insgesamt 663 Seiten mit Text, jede der über 400 Illustrationen war genau so, wie es Vesal gehofft hatte. Diejenigen, die das Buch schließlich in den Händen hielten, es betrachteten und in ihm lasen, kamen aus dem Staunen nicht heraus. Nicht nur die großartigen Bilder waren etwas Besonderes, sondern auch die Texte, die viel Neues boten. Immerhin wagte es Vesal, dem großen Galen mehr als 200 Irrtümer nachzuweisen, angestammte Professorenmeinungen zu widerlegen und so manche seit Jahrhunderten gelehrte und geglaubte Ansicht über den menschlichen Körper von ihrem nur scheinbar so sicheren Platz am Podest zu stoßen.

Werner Thelian

 

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