Wie Stress auf Dauer krank machen kann

Fachleute sind sich weitgehend einig: Zeitnot bzw. Termindruck ist im täglichen Leben der häufigste Stressauslöser. Foto: CanStock Photo.

Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) sieht im Stress eine der größten Gesundheitsgefahren des 21. Jahrhunderts. In einer Zeit, in der immer mehr Menschen immer öfter Stress und Druck ausgesetzt sind und manche daran zerbrechen, machen sich die Folgen vor allem in Form von psychischen und körperlichen Erkrankungen bemerkbar. Stress macht nicht nur traurig und vergesslich, er kann auch zum Auslöser von Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Asthma, Diabetes und Fettleibigkeit werden.

Eine gewisse Portion Stress lässt sich wohl nicht ganz vermeiden und gehört auch nach Ansicht der meisten Wissenschaftler untrennbar zum Leben. Andererseits weiß man heute, dass negativer Stress (es gibt auch positiven) auf Dauer krank machen kann – sowohl psychisch als auch körperlich.

Wie Psyche und Körper auf Stress reagieren

Gerät man in eine Stresssituation, wird der Körper augenblicklich in Alarmbereitschaft versetzt. Dabei werden zunächst ganz bestimmte Regionen des Gehirns aktiviert. Besonders betroffen ist der Hypothalamus, die Steuerzentrale für das vegetative Nervensystem. Das Gehirn schüttet Alarmstoffe aus, die bewirken, dass Hormone freigesetzt werden: v.a. Adrenalin, Noradrenalin und Kortisol.

Diese Hormone lösen daraufhin etliche Veränderungen im Körper aus. Die Leber stellt Zucker zur Verfügung, damit das Gehirn und die Muskeln mit zusätzlicher Energie versorgt werden können. Das Herz schlägt schneller und der Blutdruck steigt. Auch die Atemfrequenz wird gesteigert, damit mehr Sauerstoff aufgenommen und umgesetzt werden kann.

Außerdem wird die Blutgerinnung beeinflusst und die Schweißproduktion erhöht, damit der Organismus besser geschützt und ausreichend gekühlt ist. Die Hormone sorgen aber auch dafür, dass die Sinne hellwach sind, der Körper zugleich aber weniger sensibel auf Schmerzen reagiert. Alle diese Veränderungen zusammen bewirken schließlich die typischen Stress-Symptome, die wohl jeder aus eigener Erfahrung kennt: Herzklopfen, flache und unruhige Atmung, erhöhter Blutdruck, Schweißausbrüche, angespannte Muskeln und oft auch ein leichtes Schwindelgefühl.

Warum reagiert der Körper auf diese Weise? Die Antwort: Weil Stress ein ganz natürlicher Mechanismus ist, der sich im Laufe der Evolution herausgebildet und dabei bestens bewährt hat. Er ist eigentlich dazu da, um potenziell lebensgefährliche Situationen zu meistern und so den Weiterbestand bzw. das Überleben des Organismus zu sichern; entweder durch Flucht oder durch Angriff.

Während dieser natürliche Mechanismus unseren Vorfahren stets dabei half, Naturkatastrophen zu überstehen, vor wilden Tieren zu flüchten oder angriffslustigen Nachbarn die Stirn zu bieten, wird dasselbe Überlebensprogramm auch heute noch immer wieder ausgelöst. Allerdings meistens in weitaus harmloseren Situationen.

Dieses Erbe unserer Vorfahren wirkt noch heute

„Die Evolution hatte keine Chance, unser Hirn an die rasanten zivilisatorischen Entwicklungen anzupassen“, schreibt der Schweizer Sachbuchautor Ralf Dobelli. „Während sich unsere Außenwelt in den letzten zehntausend Jahren radikal verändert hat, ist die Software und Hardware unserer Innenwelt, also unseres Hirns, dieselbe wie zu jener Zeit, als hier Mammuts weideten.”

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Obwohl es heute keine Mammuts mehr gibt und unmittelbar lebensgefährliche Situationen glücklicherweise längst nicht mehr an der Tagesordnung sind, reagieren Gehirn, Nervensystem und der restliche Organismus noch immer auf die altbekannte und früher so bewährte Weise. Bei jedem einigermaßen wichtigen und deshalb vielleicht auch belastenden Anlass – schon ein bevorstehender Gesprächstermin beim Chef kann zum Auslöser werden – wird der ganze Organismus in Alarmbereitschaft versetzt.

Die Flucht- und Verteidigungssysteme, die das Überleben sichern sollen, werden in solchen Fällen jedoch aktiviert, ohne dass es einen wirklichen Grund dafür gäbe. Der Körper wird mit Hormonen und Energiereserven überflutet. Stresswellen breiten sich aus und werden, anders als bei unseren Vorfahren vor Jahrtausenden, nicht durch Flucht oder Angriff sofort wieder abgebaut.

Obwohl sich also spätestens nach dem Termin beim Chef der Puls und der Blutdruck allmählich wieder zu normalisieren beginnen und die stressbedingte Anspannung langsam aus den Muskeln weicht, ist die eigentlich überzogene Alarmierung für den Organismus nicht ganz ohne Folgen geblieben. Weil nämlich die Möglichkeit fehlte, den psychischen Druck und die körperliche Anspannung durch Flucht oder Angriff unmittelbar wieder abzubauen, ist einiges von der zusätzlich freigesetzten Energie zurückgeblieben.

Je öfter das jedoch vorkommt und je seltener eine entsprechende Möglichkeit zum Stressabbau gefunden wird (z.B. sportliche Betätigung, bewusste Entspannung usw.), desto eher wird dem Organismus ein gesundheitlicher Schaden zugefügt. Dann kann es leicht passieren, dass negativer Stress nicht nur immer häufiger auftritt, sondern dass er sich auch immer heftiger äußert und der natürliche Mechanismus immer sensibler auf jeden noch so kleinen Anlass reagiert. Der Körper kann sich an Stress gewöhnen und befindet sich dann ständig in Alarmbereitschaft. Dadurch werden bestimmte Erkrankungen ausgelöst oder zumindest begünstigt.

Ein besonders verbreiteter Stressfaktor

Es gibt viele Möglichkeiten, wie negativer Stress entsteht. Der insgesamt am häufigsten vorkommende Stressfaktor ist jedoch Zeit- bzw. Termindruck. An seinem Beispiel konnten Wissenschaftler zeigen, wie sehr der Stress im Alltag auch die Wahrnehmung, das Erinnern, das Lernen und die Konzentrationsfähigkeit beeinträchtigen kann. Dafür verantwortlich dürften nämlich ebenfalls Stresshormone sein, die, wenn sie freigesetzt werden, die Gehirnareale für Konzentration, Aufmerksamkeit und Gedächtnis beeinflussen.

Das Gehirn ist bei Zeitdruck in Alarmbereitschaft und auf eine vermeintliche Bedrohung fixiert, wodurch alle sonstigen Informationen aus der Umwelt schlechter aufgenommen, nur unvollständig verarbeitet und auch nicht gut erinnert werden. Weil ein Hin- und Herwechseln zwischen verschiedenen Tätigkeiten (Multitasking) dann nahezu unmöglich ist, wird der Stress immer größer.

Werner Thelian


Was Dauerstress bewirkt

Auf welche Weise Stress sowohl psychisch als auch körperlich krank machen kann, wird schon seit Jahrzehnten erforscht. Mittlerweile sind die Hauptrisikofelder bekannt:

  • Neuronale Störungen: Häufiger oder andauernder Stress beeinflusst Vorgänge im Gehirn und kann so zu Schlafstörungen, Gedächtnisproblemen, Angststörungen und Depressionen führen.
  • Immunsystem: Stress ist in der Lage, das Immunsystem zu schwächen und begünstigt dadurch Infektionskrankheiten, Asthma und möglicherweise auch Allergien.
  • Blutkreislauf: Wenn Stresshormone nicht ausreichend wieder abgebaut werden, können sie in Blutgefäßen entzündliche Prozesse bewirken. Das begünstigt Arteriosklerose und kann zu Herzinfarkt und Schlaganfall führen.
  • Stoffwechsel: Stress kann auch den Stoffwechsel negativ beeinflussen. So werden z.B. Hormone aktiviert, die Heißhunger verursachen und das Ansetzen von Fett begünstigen. Damit kann Stress u.a. Fettleibigkeit und Diabetes, also die Zuckerkrankheit, provozieren.

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