Gerard van Swieten

Der Niederländer Gerard van Swieten (1700 – 1772) machte sich im 18. Jahrhundert um das österreichische Gesundheitssystem verdient.

Obwohl er eigentlich Niederländer war, ist Gerard van Swieten bis heute einer der bekanntesten Ärzte Österreichs. Er begründete die weltberühmte Wiener Medizinische Schule, erwies sich als epochaler Neuerer der medizinischen Ausbildung und kümmerte sich um die Gesundheit der kaiserlichen Familie ebenso wie um das Wohl des Volkes. Der Arzt, der es manchmal sogar mit Vampiren zu tun bekam, ging als großer Reformer in die Medizingeschichte ein.

Gerard van Swieten, der am 7. Mai 1700 in der niederländischen Stadt Leyden geboren wurde und seine Eltern früh verlor, war schon in der Kindheit von wissenschaftlichen Themen fasziniert. Später studierte er in Löwen und Leyden Medizin, Chemie und Pharmazie und wurde von einem seiner Professoren, dem berühmten Mediziner und Botaniker Hermann Boerhaave, nicht nur maßgeblich beeinflusst, sondern auch gefördert.

Hermann Boerhaave war einer der berühmtesten Ärzte seiner Zeit und galt als international anerkannte Kapazität auf dem Gebiet der Arzneiwissenschaften. Als Lehrender machte er die Universität Leyden zu einer ebenso modernen wie attraktiven Ausbildungsstätte für angehende Ärzte aus ganz Europa. Er sorgte für eine vor allem an der Praxis orientierte medizinische Ausbildung, führten den „Unterricht am Krankenbett” ein und schickte die ständig wachsende Zahl seiner Studenten nicht nur in chemische Laboratorien, sondern auch in botanische Gärten, um dort die Heilkraft der Pflanzen zu ergründen.

Boerhaave setzte sich aber auch sein Leben lang dafür ein, neue naturwissenschaftliche Erkenntnisse und technische Erfindungen für die Medizin zu erschließen. Viele seiner Studenten waren vom praxisorientierten Unterricht so begeistert, dass sie später dazu beitrugen, die sogenannte Leydener Schule in ganz Europa und in Nordamerika zu verbreiten.

Maria Theresia wirbt um van Swieten

Gerard van Swieten gehörte von Anfang an zu Boorhaaves Lieblingsschülern, promovierte 1725 zum Doktor der Medizin und hielt schließlich als Privatdozent medizinische Vorlesungen. Weil er jedoch Katholik war, gelang es dem hochbegabten Arzt und Wissenschaftler nicht, sich an der streng protestantischen Universität Leyden zu behaupten oder gar in höhere wissenschaftliche Ämter zu gelangen. Aber dafür interessierte man sich anderswo umso brennender für ihn und die berühmte Leydener Schule.

In Wien nämlich, wo Maria Theresia 1740 an die Regierung gelangt war und schon bald darauf erkannte, dass es an der Wiener Universität um die medizinische Ausbildung alles andere als gut bestellt war. An der medizinischen Fakultät gab es nur wenige Professoren, immer weniger und immer schlechter ausgebildete Studenten und kaum noch Promotionen. Deshalb beschloss Maria Theresia, alles daran zu setzen, um den Boerhaave-Schüler Gerard von Swieten für Wien zu gewinnen.

Obwohl der Niederländer zunächst mehrere Angebote ablehnte, weil er „lieber kleiner Republikaner als Fürstenknecht” sein wolle, blieb Maria Theresia hartnäckig. Sie schrieb van Swieten persönliche Briefe und konnte ihn schließlich 1745 zur Reise nach Wien bewegen. Dort wurde er zum ersten Leibarzt der kaiserlichen Familie und zum Präfekten der Hofbibliothek bestellt.

Van Swietens segensreiches Wirken in Wien

Van Swietens Anwesenheit in Wien erwies sich schon nach kurzer Zeit als echter Glücksgriff. Er kümmerte sich nicht nur um die Gesundheit der kaiserlichen Familie, sondern setzte sich, wie von Maria Theresia erhofft und erwartet, sogleich auch für die grundlegende Umgestaltung des österreichischen Gesundheitswesens ein. Seine unzähligen Vorschläge, Pläne und Konzepte fanden fast alle die Zustimmung der Regentin, die ihn zum Direktor und Vorstand der medizinischen Fakultät ernannte und mit weitreichenden Vollmachten ausstattete. Auf dieser Basis konnte van Swieten die ärztliche Ausbildung an der Universität nach dem Vorbild seines Lehrers Boerhaave neu organisieren.

Aber er ging noch weiter. Er förderte neue wissenschaftliche Disziplinen an der Universität, stattete sie mit Lehrstühlen aus, ließ einen großen botanischen Garten und ein modernes chemisch-physikalisches Laboratorium errichten, eine Klinik für die praktische medizinische Ausbildung eröffnen und eine Reihe angesehener Professoren nach Wien berufen. Er regte den Neubau des Universitätsgebäudes an, sorgte für umfangreiche Verbesserungen in den österreichischen Spitälern, ließ eine Schule für Tierärzte, Hebammenschulen und Findelhäuser gründen. Auf seine Initiative hin wurde ein Lesesaal der kaiserlichen Hofbibliothek erstmals für die allgemeine Benutzung zugänglich gemacht.

Unter den Professoren, die van Swieten nach und nach für Wien gewinnen konnte, war auch sein ehemaliger Studienkollege Anton de Haen (1704 – 1776), der Leiter der Medizinischen Klinik wurde. De Haen und van Swieten gelten heute gemeinsam als die Begründer der (älteren) Wiener Medizinischen Schule, die Wien zum neuen medizinischen Zentrum Europas machte.

Reformer, Aufklärer und Vampirjäger

Der ebenso einflussreiche wie auch streng an den Grundlagen der Aufklärung orientierte Gerard van Swieten wurde seit dem 18. Jahrhundert in zahlreichen Publikationen gepriesen, diente als Namensgeber für Gebäude, Straßen, Plätze und wissenschaftliche Einrichtungen. Zu eher unerwarteten Ehren gelangte er jedoch über 100 Jahre nach seinem Tod, als der irische Schriftsteller Bram Stoker seinen Roman „Dracula” veröffentlichte, in dem der Vampirjäger van Helsing dem Vorbild van Swietens nachempfunden ist. Stoker hatte für seinen Bestseller umfangreiche Recherchen angestellt und war dabei auf van Swieten gestoßen, der im Laufe seiner Tätigkeit immer wieder mit dem Aberglauben des Volkes und dem Glauben an Vampire konfrontiert war.

Im 18. Jahrhundert umfasste das Habsburgerreich auch mehrere Länder, in denen die Angst vor Vampiren tief verwurzelt war. Immer wieder berichteten Bauern und Siedler, dass vereinzelt Tote wiederkehren würden, um sich fortan vom Blut ihrer menschlichen Opfer zu ernähren. Weil diese schaurigen Berichte manchmal sogar bis in die Hofkanzleien in Wien weitergegeben wurden, beauftragte Maria Theresia ihren Vertrauten van Swieten 1755 mit der Aufgabe, sich den „Vampirmythos” vorzunehmen, zu untersuchen und mit den Mitteln der modernen Wissenschaften zu entkräften.

Van Swieten reiste in einige der besonders betroffenen Gebiete und stellte dort Nachforschungen an. Schließlich gelang es ihm, rationale Erklärungen für die ungewöhnlichen Beobachtungen der Einheimischen zu finden. So machte er etwa Gärungsprozesse im menschlichen Körper dafür verantwortlich, dass es bei Toten plötzlich zu merkwürdigen Geräuschen kommen konnte und fand auch Erklärungen dafür, warum manche Körper unter bestimmten Bedingungen viel langsamer verwesen. Auf der Grundlage seines umfangreichen Berichts wurden schließlich die seit Generationen überlieferten Abwehrmaßnahmen gegen Vampire verboten.

Gerard van Swieten, der schließlich in den Freiherrenstand erhoben wurde, starb am 18. Juni 1772 und wurde in einer Gruft der Augustinerkirche in Wien beigesetzt.

Werner Thelian