Medizingeschichte: Karl Landsteiner

Karl Landsteiner (1868 – 1943) forschte unermüdlich und entdeckte u.a. die Blutgruppen.

Der österreichische Arzt und Experimentator konnte eines der größten Rätsel der Medizin klären, an dem Ärzte und Forscher zuvor jahrhundertelang gescheitert waren. Seine bahnbrechenden Erkenntnisse über das Blut ermöglichen es bis heute, unzähligen Menschen das Leben zu retten. Für die Entdeckung und Beschreibung der Blutgruppen erhielt der „ewige Laborant” Landsteiner 1930 den Nobelpreis für Physiologie und Medizin.

Karl Landsteiner wurde am 14. Juni 1868 in Baden bei Wien geboren. Seine Eltern waren der bekannte Journalist und Zeitungsherausgeber Leopold Landsteiner und dessen um 20 Jahre jüngere Frau. Der Vater starb bereits, als Karl erst sechs Jahre alt war. Der Halbwaise besuchte zunächst das Staatsgymnasium im 9. Wiener Gemeindebezirk und erwies sich schon dort als ebenso fleißiger wie begabter Schüler.

Nach der Matura begann er an der Universität Wien mit dem Medizinstudium, das er 1891 mit der Promotion abschloss. Danach studierte er in Würzburg, München und Zürich Chemie, ehe er 1894 wieder nach Wien zurückkehrte und als Assistenzarzt an der I. Chirurgischen Universitätsklinik und danach am Hygiene-Institut und am Pathologisch-anatomischen Institut arbeitete.

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Rätselhaftes Blut

Schon als junger Assistenzarzt wurde Karl Landsteiner auf ein schon seinerzeit bekanntes, aber noch immer völlig ungelöstes Problem der Medizin aufmerksam, an dem sich bereits zahlreiche Ärzte und Forscher vor ihm die Zähne ausgebissen hatten. Der eigentlich recht naheliegende Gedanke, bei bestimmten medizinischen Notfällen Blut von einem gesunden Körper auf einen anderen zu übertragen und diesem damit das Leben zu retten, war zwar schon vor vielen Jahrhunderten aufgekommen, konnte jedoch niemals zu einem einigermaßen sicheren und zuverlässigen Verfahren entwickelt werden.

Bereits einige Ärzte der Antike haben mit verschiedensten Methoden versucht, ihren Patienten Tierblut zu verabreichen. Eine Vorgehensweise, die noch im 17. Jahrhundert recht häufig zur Anwendung kam, wobei vor allem das Blut von Lämmern verwendet wurde. Aber allen diesen frühen Bemühungen war nur wenig Erfolg beschieden. Immer wieder kam es zu gefährlichen Komplikationen, die viele, wahrscheinlich sogar die meisten der bedauernswerten Patienten das Leben kosteten.

Trotzdem waren gelegentlich auch aufsehenerregende Erfolge zu verbuchen. Als sich französische Ärzte 1667 in höchster Not dazu entschlossen, einem fünfzehnjährigen Knaben, der schon seit Wochen von einem schweren und zunehmend lebensbedrohlichen Fieber geplagt wurde, nach zahlreichen Aderlässen Lammblut zu spritzen, konnten sie schon bald eine deutliche Erholung des Patienten beobachten. Später soll der Knabe sogar vollständig genesen sein. Warum die Übertragung von Fremdblut in einigen Fällen funktionierte, in anderen aber kräftig daneben ging, blieb weiterhin ein Rätsel. Vielleicht, so meinten einige, lag es am Blut der Tiere.

Gefährliche Bluttransfusionen

Die erste erfolgreiche Bluttransfusion von Mensch zu Mensch gelang dann 1823 dem englischen Physiologen und Geburtshelfer James Blundell, der damit einer Wöchnerin, die viel Blut verloren hatte, das Leben rettete. Aber trotz Blundells Einzelerfolg änderte sich nichts daran, dass Bluttransfusionen – ob vom Tier zum Menschen oder von Mensch zu Mensch – einfach keine zuverlässige Angelegenheit waren. Mindestens jeder zweite Patient überlebte die diesbezüglichen Bemühungen seiner Ärzte nicht.

Die damit auf der Hand liegende Gefährlichkeit von Bluttransfusionen führte schließlich dazu, dass diese Möglichkeit nur noch in äußersten Notfällen eingesetzt wurde und in manchen Ländern sogar ausdrücklich verboten war.

Landsteiner lüftet das Geheimnis

Während viele Ärzte der Ansicht waren, dass die so gefürchtete „Interagglutination” menschlicher Blutproben nur auf krankhafte Veränderungen mindestens einer der beiden Blutproben zurückzuführen sein konnte, wurde Karl Landsteiner im Rahmen seiner umfangreichen Forschungen bald in eine ganz andere Richtung gelenkt. Er war ein hervorragender Experimentator, der trotz seiner ärztlichen Ausbildung viel lieber in Laboratorien arbeitete als in Krankenzimmern und Operationssälen. Von Kollegen und Schülern wurde er daher oft auch als „ewiger Laborant” bezeichnet.

Tatsächlich gelang gerade ihm schließlich der Durchbruch. Und zwar zunächst mit einer kleinen, leicht zu übersehenden Fußnote in seiner 1900 erschienenen wissenschaftlichen Arbeit „Zur Kenntnis der antifermentativen, lytischen und agglutinierenden Wirkungen des Blutserums und der Lymphe”. In jener Fußnote war für aufmerksame Leser Landsteiners Vermutung festgehalten, dass es sich bei der Interagglutination menschlicher Blutproben möglicherweise um eine bisher noch nicht bekannte physiologische Eigenschaft des Blutes selbst handeln könnte.

Damit war Karl Landsteiner auf der richtigen Spur. Er forschte weiter und konnte bereits 1901 in einem in der „Wiener klinischen Wochenschrift” erschienenen Aufsatz die feste Überzeugung aussprechen, dass Blut eben nicht gleich Blut sei, sondern dass es verschiedene Blutgruppen gebe und dass das der Grund dafür sei, warum die Übertragung von Blut von Mensch zu Mensch nicht immer erfolgreich sei. Er selbst beschrieb drei Blutgruppen, die er A, B und C nannte. Kurz darauf entdeckte einer seiner Schüler, Adriano Sturli, eine weitere, die zunächst als Blutgruppe „ohne Typus” beschrieben wurde. Und acht Jahre später sorgten Emil von Dungern und Ludwik Hirszfeld für Benennungen, die bis heute gültig sind: A und B blieben A und B, während Landsteiners Blutgruppe C zur Blutgruppe 0 und Sturlis Blutgruppe „ohne Typus” zur Blutgruppe AB wurde.

Mit der Entdeckung, Beschreibung und Erforschung der Blutgruppen und der ebenfalls von Landsteiner entdeckten Regel, dass im Serum eines Individuums das Agglutinin gegen die eigene Blutgruppe fehlt, wurde endlich die kontrollierte und von nun an weitaus risikoärmere Blut­transfusion von Mensch zu Mensch möglich.

Schon bald erwies sich in aller Welt, dass Karl Landsteiner der Medizin nicht nur den richtigen Weg gewiesen hatte, sondern durch seine bahnbrechen­den Entdeckun­gen zu einem der „größten Wohl­täter der leidenden Menschheit” geworden war. Nicht zuletzt deshalb erhielt er 1930 für die Entdeckung der Blutgruppen den Nobelpreis für Physiologie und Medizin.

Aber der rührige Österreicher forschte weiter. Er leistete in Österreich und später in Den Haag und in den USA Pionierarbeit auf den Gebieten der Serologie und Immunologie, sammelte wichtige Erkenntnisse über Antigene und Antikörper, beschäftigte sich mit Bakteriologie und im fortgeschrittenen Alter mit Krebs. Der niemals wirklich ruhende Forscher Landsteiner wurde am 24. Juni 1943 in seinem Labor am „Rockefeller Institute for Medical Research” in New York von einem Herzinfarkt ereilt, an dessen Folgen er zwei Tage später starb. Er liegt in Nantucket/Massachusetts an der Seite seiner Frau begraben.

Dem international vielfach ausgezeichneten und geehrten Nobelpreisträger widmete die Österreichische Post 1968 aus Anlass seines 100. Geburtstages eine Sonderpostmarke. Aber auch auf dem alten 1000-Schilling-Schein war Landsteiner zu finden. Darüber hinaus tragen mehrere wissenschaftliche Preise seinen Namen. Besonders gefreut hätte sich Karl Landsteiner aber wohl darüber, dass der seit 2004 alljährlich veranstaltete „Welt-Blutspendetag” jeweils an seinem Geburtstag, dem 14. Juni, stattfindet.

Werner Thelian

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