Buchtipp: Der König aller Krankheiten. Krebs – Eine Biografie

Der monatlich erscheinende Gesundheitsteil der “Unterkärntner Nachrichten”, für den ich seit über fünf Jahren die redaktionelle Verantwortung trage, stand schon öfter ganz im Zeichen des Themas Krebs. Bei meinen Recherchen stieß ich immer wieder auf das bemerkenswerte Buch des indisch-amerikanischen Arztes, Wissenschaftlers und Schriftstellers Siddhartha Mukherjee, für das er u.a. mit dem Pulitzerpreis 2011 ausgezeichnete wurde. Die deutsche Ausgabe ist 2012 im Dumont-Buchverlag erschienen:

Siddhartha Mukherjee:
Der König aller Krankheiten
Krebs – eine Biografie
670 Seiten

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„Krebs ist nicht eine Krankheit, sondern viele Krankheiten. Wir sprechen kollektiv von Krebs, weil allen diesen Krankheiten ein Wesensmerkmal gemeinsam ist: das abnorme Wachstum von Zellen”, schreibt Siddhartha Mukherjee in seinem Buch „Der König aller Krankheiten: Krebs – eine Biografie”. Und wie es einer Biografie entspricht, zeichnet der Krebsforscher und Assistenzprofessor an der Universität Columbia v.a. die Geschichte einer Krankheit nach, die keineswegs nur die Menschen des 20. und 21. Jahrhunderts so sehr plagt.

Krebs ist sogar eine besonders alte Krankheit, mit der sich Patienten und ihre Ärzte schon seit Jahrtausenden herumschlagen. Weil die Menschen der Antike jedoch meistens nicht alt genug wurden, um an Krebs zu erkranken, sondern schon vorher von Schwindsucht, Pocken, Pest, Cholera, Lepra, Lungenentzündung oder Ödemen dahingerafft wurden, konnte der Krebs tatsächlich erst in modernerer Zeit, als die durchschnittliche Lebenserwartung der Menschen zu steigen begann, sein Schreckenswerk voll entfalten.

Die Bezeichnung der Krankheit als „Krebs” tauchte übrigens schon um 400 v. Chr. in der medizinischen Literatur auf, als Hippokrates, der große Stammvater der Ärzte, von einem Brustgeschwür, das er bei einem Patienten sah, an die kreisförmig abgespreizten Beine des Krustentiers erinnert wurde. Der Name hielt sich auch deshalb bis heute hartnäckig, weil es noch viele weitere Ähnlichkeiten und Gemeinsamkeiten gibt: u.a. kommt es den Betroffenen oft so vor, als schneide der Krebs langsam in ihren Körper, und tatsächlich versucht er, sich schleichend auszubreiten und nach und nach das gesamte System des Organismus in Form von Metastasen zu erfassen. Keine andere Krankheit prägt unsere moderne Zeit so sehr wie der Krebs, der in seiner Vielgestaltigkeit, seiner Anpassungsfähigkeit und seiner Widerstandskraft beinahe menschliche Züge annimmt.

So hat das plötzlich abnorm beschleunigte Wachstum von Zellen und deren Ausbreitung die Ärzte im Laufe der Jahrhunderte immer wieder vor große und letztlich oft unüberwindliche Aufgaben gestellt. Während man noch im Mittelalter und in der frühen Neuzeit versuchte, dem Krebs mit Aderlass und allerlei Wundermitteln zu Leibe zu rücken, verfolgte man später vor allem zwei Strategien: den Tumor entweder chirurgisch zu entfernen (oft genug mit großflächigen Radikaloperationen) oder ihn mit Röntgenstrahlen zu verbrennen. Beides brachte viele Nachteile mit sich und war nur sehr selten auch auf Dauer erfolgreich. Der Krebs ließ sich zwar entfernen oder zog sich zurück, kehrte jedoch nach einiger Zeit wieder und führte dann fast unweigerlich zum Tod des Patienten. Das 20. Jahrhundert brachte schließlich eine Reihe immer modernerer und wirkungsstärkerer Krebstherapien hervor – von der Entwicklung der Chemotherapie, die dem Krebs mit kombinierten Wirkstoffen zu Leibe rückt, bis hin zur modernen Errungenschaft der Antikörpertherapie, bei der die Tumorzellen gezielt angegriffen, die gesunden Zellen jedoch verschont werden.

Hinter allen diesen Bemühungen, den unzähligen Patientenschicksalen, dem unermüdlichen Forschergeist einiger Frauen und Männer steht aber auch die Notwendigkeit, den Krebs selbst zu verstehen. Was löst das plötzliche Wachstum der Zellen aus? Welchen Zweck verfolgen sie? Welche Rolle spielen die berühmten Risikofaktoren? Was unterscheidet die verschiedenen Krebsarten voneinander und was haben sie gemeinsam?

Mukherjee widmet sich diesem großen Thema nicht nur mit seinen Kenntnissen als Arzt und Zellbiologe, sondern auch als Historiker und als Biograf. Tatsächlich kann einen dieses Buch, das spannend geschrieben ist, von der ersten bis zur letzten Seite fesseln. Vor allem aber eröffnet es sowohl dem Insider als auch dem medizinischen Laien einen völlig neuen Blick auf eine der großen Krankheiten unserer Zeit und trägt viel zum Verständnis der wunderbaren Abläufe in unserem Körper bei, aus denen letztlich auch eine Krebserkrankung entspringt. Krebszellen sind mutierte Zellen, die nach Unsterblichkeit streben, sich im Körper einrichten, sich die ihnen gemäße Umgebung schaffen und sich weiter auszubreiten versuchen. Letztlich sind sie Zellen, die ihren natürlichen Lebensrhythmus verlassen haben, um unsterblich zu sein. Dass ihnen genau das in gewisser Hinsicht tatsächlich gelingt, erfährt man ebenfalls in Mukherjees Buch “Der König aller Krankheiten”.

Werner Thelian