Das Immunsystem erwacht schon mit dem ersten Atemzug

Das Immunsystem eines Babys muss sich schon sehr vielen Herausforderungen stellen. Damit es seine Aufgaben erfüllen kann, sind nach der Zeit im Mutterleib vor allem die ersten Minuten, Stunden und Tage nach der Geburt entscheidend. Foto: CanStock Photo

Spätestens der erste Schrei eines Neugeborenen aktiviert ein kompliziertes körpereigenes Schutzsystem, in dem vor allem die Lunge eine besondere Rolle spielt. Wie genau dieses Programm abläuft und wie es gesteuert wird, konnten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler der Medizinischen Universität Wien vor Kurzem zeigen.

Es ist bereits der allererste Atemzug, der das Immunsystem eines Neugeborenen aktiviert und den für das Überleben so wichtigen körpereigenen Abwehrschild für das ganze weitere Leben prägt. Wie dieses Programm im Einzelnen abläuft, konnten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler der Medizinischen Universität Wien vor Kurzem klären. Das sofort nach der Geburt stattfindende „Hochfahren“ des Immunsystems ist übrigens nicht nur beim Menschen zu finden, sondern ereignet sich auf die gleiche oder sehr ähnliche Weise bei allen Säugetieren.

Vor der Geburt in einer Warteposition

Vor der Geburt des Kindes hat seine Lunge eigentlich noch keine wirkliche Funktion. Während der Zeit im Mutterleib ist das später so wichtige Atmungsorgan mit einer von der Lunge selbst gebildeten Flüssigkeit gefüllt. Der Sauerstoff kommt über Plazenta und Nabelschnur noch von der Mutter. Lungenbewegungen haben während dieser Phase noch nichts mit der Atmung zu tun, sondern lassen die Lunge weiter reifen.

Aber kurz vor der Geburt verändert sich die Situation. Die Flüssigkeit in der Lunge wird allmählich abgebaut und das Or­gan gedehnt, damit gleich mit dem ersten Atemzug nach der Geburt ausreichend Luft einströmen kann.

Ein komplexes Programm läuft ab

Im Rahmen ihrer Forschungen konnten die Wissenschaftler der Medizinischen Universität Wien ein komplexes Programm aufdecken, das bereits unmittelbar nach der Geburt, und zwar buchstäblich „mit dem ersten Atemzug“ beginnt. Immerhin kommen von diesem Zeitpunkt an durch die Atmung Fremdkörper aus der Um- und Außenwelt in die frisch entfaltete Lunge, weshalb es auch so wichtig ist, dass der Schutz von Anfang an besteht. Ausgelöst und weiter vorangetrieben wird dieser Prozess von bestimmten körpereigenen Signalstoffen, die bei der Lungenentfaltung freigesetzt werden.

Für die Fachleute ist es nicht sonderlich überraschend, dass der Aufbau des Immunsystems ausgerechnet in der Lunge beginnt. Immerhin ist dieses Organ eine besonders wichtige Schnittstelle zwischen dem Körperinneren und der Außenwelt. Die menschliche Lunge, die aus zwei Lungenflügeln besteht, filtert vom Zeitpunkt der Geburt an ein ganzes Leben lang Sauerstoff aus der Luft und gibt beim Ausatmen Kohlendioxid ab. Bei diesem ständigen intensiven Kontakt mit der Außenwelt, in der schließlich auch viele Krankheitserreger lauern, ist es natürlich unumgänglich, dass ein möglichst guter Schutz besteht.

Den genauen Ablauf des Prozesses hat das Team von der MedUni Wien übrigens an Mäusen untersucht. Bei den kleinen Nagern ist es nämlich ganz so wie beim Menschen: Unmittelbar nach der Geburt werden Signalstoffe freigesetzt, die dafür sorgen, dass es sehr rasch zu tief greifenden Veränderungen in der Lunge kommt.

Das Immunsystem muss sich erst einpendeln

Auf die von den Wissenschaftlern beschriebene Weise ist die Lunge zwar von Anfang an gegen gefährliche Entzündungen geschützt, aber der Abwehrmechanismus darf auch nicht überschießend reagieren. Schließlich soll nicht jeder kleine Fremdkörper in der Atemluft zu einer Immunreaktion der Lunge führen, denn das würde die Atmung selbst negativ beeinflussen. Der Abwehrmechanismus muss also nach und nach reguliert und auf ein relativ sanftes Niveau gebracht werden.

Das ist auch einer der Gründe, warum die Lunge nach der Geburt des Kindes noch einige Tage benötigt, um entsprechend zu „reifen“. Dass diese Phase der Entwicklung möglichst ohne Störungen abläuft, ist sehr wichtig und beeinflusst das gesamte weitere Leben.

Werner Thelian

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