Spinnenphobie: Wie Angst uns lenkt

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Obwohl Spinnen, die in unseren Breiten leben, normalerweise weder giftig noch sonst irgendwie gefährlich sind, lösen sie bei vielen Menschen dennoch ein ungutes Gefühl aus. Manche Menschen geraten sogar beim bloßen Gedanken an sie in Panik.

An der Gefahr, die von ihnen ausgeht, kann es nicht liegen. Von den rund 38.000 verschiedenen Spinnenarten, die auf unserem Planeten vorkommen, leben zwar immerhin 1.000 Arten auch in Österreich, aber nur drei davon sind giftig: Kreuzspinne, Dornfingerspinne und Wasserspinne. Dabei sind auch deren Bisse unter normalen Umständen keineswegs lebensgefährlich, können jedoch sehr schmerzhaft sein und unter Umständen allergische Reaktionen auslösen.

Eine verbreitete Angst

Obwohl also von den kleinen, so überaus flinken Achtbeinern keine echte Gefahr ausgeht, geraten viele Menschen bei ihrem Anblick in große Aufregung oder so­gar in Panik. Die Betroffenen leiden nämlich häufig unter einer ausgesprochenen Spinnenphobie, die in der Fachsprache als „Arachnophobie” bezeichnet wird.

Diese ganz spezifische Angst, die zu überschießenden und scheinbar völlig irrationalen Reaktionen führt, ist sogar eine der am weitesten verbreiteten Ängste überhaupt. So fürchten sich in Öster­reich etwa jede dritte Frau und je­der fünfte Mann vor Spinnen, wobei die Palette der möglichen Gefühlsregungen vom leichten Unwohlsein bis hin zu Ekel und in extremen Fällen sogar bis zur Panik reicht.

Es ist vor allem die Häufigkeit ihres Vorkommens in der Bevölkerung, die die Spinnenphobie zu einem interessanten und vielversprechenden Thema für die wissenschaftliche Forschung macht. Die Angst vor Spinnen könnte nämlich ein gutes Beispiel dafür abgegeben, wie Ängs­te überhaupt entstehen und wie sie dann in der Lage sind, uns oft ein ganzes Leben lang zu begleiten und zu beeinflussen. Am Beispiel der Spinnenphobie erforschen Wissenschaftler schon seit einiger Zeit, welche Vorgänge im Gehirn passieren, wenn sich ein erwachsener Mensch plötzlich übermäßig ängs­tigt oder sogar in Panik gerät. Und natürlich geht es dabei auch um die wichtige Frage, mit welchen Thera­pien man am besten gegen spezifische Ängste vorgeht.

Es beginnt schon mit den Sinnesreizen

Um die Umwelt überhaupt wahrnehmen und in ihr überleben zu können, ist der Mensch, wie jedes andere Lebewesen auch, auf Informationen angewiesen. Diese kommen sowohl aus dem Inneren des eigenen Körpers als auch aus der Außenwelt und liegen in jedem Augenblick in einer geradezu überwältigenden Fülle vor. In jeder einzelnen Sekunde strömen fast unzählige verschiedene Sinnesreize auf den Menschen ein, werden von darauf spezialisierten Nervenzellen registriert und über die Nervenbahnen blitzschnell an das Rückenmark und an das Gehirn weitergeleitet.

Spätestens im Gehirn werden die möglicherweise wertvollen Informationen nicht nur aufgenommen, sondern auch überprüft, weiterverarbeitet, gegebenenfalls in Reaktio­nen umgesetzt oder gespeichert. Viele werden aber auch – und das kommt ständig vor – für unwichtig erachtet und deshalb verworfen.

Diese grundsätzlich überlebenswichtigen Vorgänge spielen auch bei der Entstehung von und im Umgang mit Ängsten eine große Rolle, allerdings in etwas abgewandelter Form. Menschen mit ganz bestimmten Ängsten (z.B. vor engen Räumen, vor dem Autofahren, vor Hunden, Spinnen oder anderen Tieren) reagieren auf manche Reize und Informationen viel heftiger als es eigentlich angebracht wäre. Wann auch immer sie dort eine Gefahr wahrnehmen, wo eigentlich gar keine ist, hat ihr Gehirn den zugrunde liegenden Reiz deutlich übersteigert, die darauf gründende Wahrnehmung verzerrt und somit die Gefahr viel größer eingeschätzt, als sie ist. Das passiert nicht nur einmal, sondern immer wieder – selbst dann, wenn man es eigentlich besser weiß.

Warum entsteht eine Phobie?

Psychologen der Universität Mann­heim konnten vor einigen Jahren zeigen, wie sehr sich bei Menschen mit ausgeprägter Angst vor Spinnen beim Auftreten eines entsprechenden Reizes die visuelle Verarbeitung im Gehirn plötzlich grund­legend verändert. So werden die kleinen Tierchen stets als viel größer und damit auch bedrohlicher wahrgenommen als sie es in Wirklichkeit sind.

Obwohl noch nicht geklärt werden konnte, wodurch eine Spinnenphobie entsteht, sind sich die Forscher ziemlich sicher, dass dabei verschiedenste Faktoren eine Rolle spielen können: u.a. wahrscheinlich auch Erinnerungen, die im Laufe der menschlichen Evolutionsgeschichte im Unterbewusstsein gespeichert wurden, heute jedoch aus objektiver Sicht nicht mehr nachzuvollziehen sind. Weitere mögliche Gründe sind u.a. angsterzeugende Kindheitserinnerungen und nicht zuletzt auch das Vorbild der Eltern hinsichtlich ihrer Reaktionen auf Spinnen. Dazu kommen aber auch einige biologische Eigenheiten bei den Spinnen selbst: sie treten meistens sehr plötzlich und unerwartet auf, sind, bis sie wahrgenommen werden, schon sehr nahe, machen rasche Bewegungen und nehmen häufige und nicht vorherzusehende Richtungsänderungen vor.

Die geeignete Therapie

Um eine Spinnenphobie loszuwer­den, ist es wichtig, sie zunächst als solche zu erkennen. Ist das der Fall, ist die Phobie meistens gut behandelbar. Heute kommt in solchen Fällen im Rahmen einer Psychotherapie v.a. die Verhaltenstherapie zum Einsatz. Dabei wird z.B. mit Konfrontationsverfahren gearbeitet. Der Patient setzt sich unter der Anleitung eines erfahrenen Therapeuten ganz bewusst der die Angst erzeugenden Situation aus und lernt so nach, mit ihr besser umzugehen.

Werner Thelian

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