Leopold Auenbrugger

Der aus Graz stammende Arzt Leopold von Auenbrugger (1722 – 1809) entdeckte nicht nur die diagnostische Technik der „Perkussion”, sondern wurde damit auch zum Wegbereiter wichtiger Entwicklungen in späterer Zeit: u.a. des Stethoskops. Auenbrugger zeigte den Ärzten, wie sie durch das Beklopfen der Oberkörper ihrer Patienten verborgene Brustkrankheiten aufdecken konnten. Auf die zielführende Idee war er gekommen, als er sich an die Weinfässer in den väterlichen Gasthäusern in Graz erinnerte.

Leopold Auenbrugger wurde am 19. November 1722 in Graz geboren. Seine Eltern betrieben die beiden Gasthäuser „Zum schwarzen Mohren” und „Zum römischen Kaiser” in der Murvorstadt und waren einigermaßen wohlhabend. Leopold wuchs gemeinsam mit sechs Geschwistern im Mohren-Gasthaus auf und soll gerade dort jene Technik zuerst gesehen und dann auch selbst erlernt haben, mit der der Vater und die ihn beliefernden Winzer den jeweiligen Füllstand der Weinfässer durch das Beklopfen der Fasswände ermittelten. Eine Erfahrung, die sich für Leopold Auenbrugger später noch als sehr wertvoll erweisen sollte.

Von Graz zum Studium nach Wien

Weil der „Mohrenwirt” großen Wert auf die schulische Ausbildung seiner Kinder legte, konnte Leopold in Graz zunächst das Gymnasium besuchen und später an der Universität Wien Medizin studieren. Dann allerdings schlug das Schicksal unbarmherzig zu.

Während sich Leopold Auenbrugger an der Wiener Universität mit den Geheimnissen des menschlichen Körpers, mit dessen Gebrechlichkeiten und Krankheiten, aber auch mit deren Heilung beschäftigte, änderten sich die Verhältnisse daheim in Graz gravierend. Seine Familie geriet in finanzielle Schwierigkeiten, die schließlich auf ihren Höhepunkt zusteuerten, als Leopolds Vater Sebastian Auenbrugger, der „Mohrenwirt”, im Jänner 1743 starb. Es dauerte nicht lange und die beiden Gasthäuser und alle anderen Besitzungen gingen verloren. Um die Familie und ihren Studiosus in Wien wurde es für einige Jahre vollkommen ruhig.

Ende 1752 war es Leopold Auenbrugger mithilfe eines Stipendiums aber trotzdem gelungen, das Studium erfolgreich abzuschließen. Er wurde als Arzt am Spanischen Spital in Wien angestellt, heiratete 1754 und wurde 1758 sogar zum Primararzt ernannt. Allerdings verlor er die hohe Stellung vier Jahre später wieder, kehrte dem Krankenhaus den Rücken und widmete sich fortan vor allem seiner eigenen Arztpraxis und seinen Forschungstätigkeiten.

Erste Klopfzeichen

Schon in seiner Zeit als Spitals­arzt waren Auenbrugger die Schallunterschiede aufgefallen, die sich immer dann ergaben, wenn er bei Untersuchungen seinen Patienten an verschiedenen Stellen auf den Oberkörper klopfte. Dabei erinnerte er sich unweigerlich an die unterschiedlich gefüllten Weinfässer daheim in Graz, deren Füllstand durch Beklopfen sehr genau festzustellen war. Und gerade diese Erinnerung soll den nunmehrigen Herrn Doktor Auenbrugger dazu veranlasst haben, eine ganz ähnliche, aber eben medizinisch-diagnostische Methode zu entwickeln, mit deren Hilfe sich verborgene Brustkrankheiten erkennen ließen. Er nannte die Methode „Perkussion” (lat. Schlagen).

Auenbruggers Methode setzt sich nicht sofort durch

Das Ergebnis seiner Forschungen war ein Buch, das er 1761 in Wien veröffentlichte – auf Latein natürlich, für Ärzte und andere Fachleute bestimmt. Es trägt den Titel „Inventum novum ex percussione thoracis humani ut signo abstrusos interni pectoris morbos detegendi”, was auf Deutsch so viel heißt wie „Neue Erfindung, mittels Beklopfen des menschlichen Brustkorbs Zeichen zur Erkennung verborgener Krankheiten der Brusthöhle zu gewinnen”. Das darin präsentierte, ganz neue Verfahren, bestehe, so Auenbrugger, „aus einem Anschlagen an die menschliche Brust, wobei sich aus dem verschiedenen Widerhalle der dadurch hervorgebrachten Töne auf den inneren Zustand dieser Höhle schließen lässt.”

Auenbrugger erklärt seine Methode und die physiologischen Grundlagen, auf denen sie beruht, ganz ausführlich und listet in dem Band zahlreiche Krankheiten auf, die sich durch den Klopfschall und genaues Hinhören feststellen lassen. Die Methode hatte er, wie er selbst schreibt, in siebenjähriger Arbeit entwickelt und dabei nicht nur unzählige Patienten „beklopft”, sondern auch immer wieder mit unterschiedlich gefüllten Fässern experimentiert. Auch Leichen hatte er Wasser an verschiedenen Stellen in den Brustkorb injiziert, um die Perkussion zu perfektionieren. Den Ärzten empfahl er, zunächst möglichst viele Gesunde zu beklopfen, um sich an die Schallunterschiede zu gewöhnen und das Gehör zu schulen.

Ludwig Auenbruggers diagnostische Methode funktionierte zwar hervorragend, wurde jedoch anfangs nur von wenigen Ärzten beachtet und geriet daher rasch wieder in Vergessenheit. Auenbrugger selbst wandte sich anderen Forschungsfeldern zu, behandelte die Patienten, die in seine Praxis kamen, und wurde schließlich sogar Leibarzt von Kaiserin Maria Theresia.

Die Perkussion wird wiederentdeckt

Dass Auenbruggers Methode der „Perkussion” nach vielen Jahren wiederentdeckt wurde, ist einem anderen Leibarzt eines anderen Mächtigen zu verdanken, nämlich Jean-Nicolas Corvisart (1755 – 1821), dem Leibarzt von Napoleon Bonaparte. Corvisart, der auch selbst ein bedeutender Mediziner und Wegbereiter war, übersetzte Auenbruggers Schrift ins Französische und veröffentlichte sie 1808 in Paris. Allerdings dauerte es dann noch dreieinhalb Jahrzehnte, ehe das Werk 1843 in Wien erstmals in deutscher Sprache erschien. Nun aber, da sich die Zeiten geändert hatten, fand die „Perkussion” auch in der Stadt, in der ihr Entdecker gelebt und gewirkt hatte, ihre ärztlichen Anhänger und Nachahmer.

Als seine Methode den Durchbruch erlebte, war Auenbrugger nicht mehr am Leben. Er hatte viele Jahre lang in seiner Praxis und bei Hof gearbeitet, hatte mehrere medizinische Schriften veröffentlicht und schließlich von Kaiser Joseph II. das Adelsprädikat erhalten. Auenbrugger, der den Zusatz „Edler von Auenbrugg” tragen durfte, starb am 18. Mai 1809 im 87. Lebensjahr in Wien – an Altersschwäche.

Dem Pionier der medizinischen Diagnostik wurden nachträglich etliche Ehrungen zuteil und auch Denkmäler gesetzt. So gab die österreichische Post 1937 eine Sonderbriefmarke mit seinem Porträt heraus. In Wien gibt es die „Auenbrugger Gasse” und ein Denkmal, und in seiner Geburtsstadt Graz erinnert der „Auenbrugger Platz”, die Adresse des Landeskrankenhauses und der Medizinischen Universität, an ihn. Die 2004 gegründete MedUni Graz trägt zudem ein Bildnis Auenbruggers in ihrem Siegel.

Werner Thelian