Josef Hyrtl

Der in Eisenstadt geborene Musikersohn Josef Hyrtl (1810 – 1894) brachte es als Professor der Anatomie zu Weltruhm. Neben seinen gefeierten Vorlesungen in Prag und Wien und den Fachbüchern aus seiner Feder waren es vor allem kunstvoll gefertigte anatomische Präparate, die ihn nicht nur bekannt, sondern auch wohlhabend machten. Hyrtl blieb jedoch bescheiden und spendete einen Großteil seiner Einkünfte für wohltätige Zwecke.

Ende Mai 1889 fand im Arkadenhof der Universität Wien eine Feier statt, die einem angesehensten unter den ehemaligen Professoren galt, dem Mediziner und Anatomen Prof. Dr. Josef Hyrtl. Der Geehrte war bereits 78 Jahre alt und musste seine sehschwachen, fast schon blinden Augen mit einem Schirm gegen das grelle Sonnenlicht schützen. Nachdem die Marmorbüste des betagten Gelehrten enthüllt war, dankte dieser in einer kurzen Rede der Universität, der medizinischen Fakultät und den zahlreichen anwesenden Studenten.

Obwohl der alte Mann in allem so bescheiden auftrat, wusste jeder im Publikum um seine Verdienste. Sein Spezialgebiet war immer die menschliche Anatomie gewesen, also jenes Wissen um den Aufbau und die Strukturen des Körpers, ohne das die moderne Humanmedizin nicht mehr vorstellbar war. Während seiner aktiven Zeit waren viele Medizinstudenten nur deshalb nach Wien gekommen, um Hyrtls Vorlesungen zu besuchen und an den von ihm geleiteten Kursen im Sezieren und Präparieren teilzunehmen. Die Bücher des Professors waren allesamt Standardwerke und sein von eigener Hand gefertigtes und präpariertes anatomisches Anschauungsmaterial nicht nur in Wien, sondern auch an ausländischen Universitäten und sogar in Museen und Sammlungen zu finden.

Von der Musik zur Anatomie

Josef Hyrtl wurde am 7. Dezember 1810 in Eisenstadt geboren und wuchs gemeinsam mit drei Geschwistern in eher ärmlichen Verhältnissen auf. Der Vater war Musiker und spielte im Orchester der Fürsten von Esterházy die Oboe, während die Mutter früher als Lehrerin gearbeitet hatte. Zunächst sah alles danach aus, als würde Josef dem Vorbild des Vaters folgen und eine musikalische Laufbahn einschlagen.

Als die Hyrtls nach Wien übersiedelten, wurde Josef am Jesuitengymnasium aufgenommen und sang im Chor. Aber den Lehrern fiel er nicht nur durch seine schulischen Leistungen und seine schöne Stimme auf, sondern auch durch das Talent, Referate so zu halten, dass sie die Zuhörer geradezu fesselten. Diese rhetorische Begabung sollte ihn ein Leben lang begleiten und jede seiner Lehrveranstaltungen an der Universität zu einem außerordentlichen Ereignis machen.

Nach der Matura wechselte er an die medizinische Fakultät und erregte dort vor allem die Aufmerksamkeit seines Anatomie-Professors, der ihn nicht nur förderte, sondern bald auch zu seinem Assistenten machte. Am anatomischen Institut lernte Hyrtl nicht nur das theoretische Grundgerüst des Faches, sondern war durch seine bemerkenswerten handwerklichen Fähigkeiten bald dazu in der Lage, auch die kompliziertesten anatomischen Präparate in höchster Qualität herzustellen. Er entwickelte neue Methoden und Techniken und vermittelte seine Erkenntnisse auch den anderen Studenten.

Das alles führte schließlich dazu, dass Josef Hyrtl zwei Jahre nach der Promotion und im ungewöhnlich jungen Alter von nur 26 Jahren die Möglichkeit erhielt, als Professor für Anatomie an die altehrwürdige Universität von Prag zu wechseln. Er nahm die Herausforderung an und erwies sich an der Prager Universität nicht nur als ausgezeichneter Lehrer, sondern schrieb auch ein „Lehrbuch der Anatomie des Menschen”, das der Auftakt zu seiner Bekanntheit in den internationalen Fach­kreisen war. Obwohl er in Prag die besten Bedinungen vorfand, zögerte er nicht lange, als ihm 1845 angeboten wurde, an die Universität Wien zurückzukehren und dort die mittlerweile frei gewordene Professorenstelle für Anatomie zu übernehmen.

Schöpfer einer schaurig-schönen Sammlung

Obwohl man Hyrtl versprochen hatte, er werde das anatomische Institut in Wien ganz nach seinen Wünschen einrichten und leiten können, stieß der junge Professor bei jedem Versuch, eine Neuerung einzuführen, auf Widerstand. Der Gegenwind kam von den vorgesetzten Stellen, aber auch aus der Professorenschaft. Die finanziellen Mittel, auf die er im Interesse des Institutes gehofft hatte, blieben aus.

Hyrtls Enttäuschung darüber änderte jedoch nichts daran, dass er ein beliebter Lehrer war, der in allen Bereichen der Anatomie forschte, Bücher schrieb und unter den Augen seiner Studenten in der Lage war, anatomische Präparate herzustellen, die viel detailreicher und genauer waren als alles, was man in dieser Hinsicht sonst zu sehen bekam. Für manche dieser Stücke, die in ers­ter Linie für den medizinischen Unterricht gedacht waren, interessierten sich nicht nur die in- und ausländischen Universitäten, sondern auch Museen und Künstler aus aller Welt. Die ständig wachsende Nachfrage nützte der Professor, um sich über alle früheren Widerstände hinwegzusetzen und eine anatomische Sammlung aufzubauen, die bald die größte Europas war. 1850 gründete er das „Museum für vergleichende Anatomie” und wirkte zu dieser Zeit auch am Ausbau anderer anatomischer Sammlungen mit.

Bald war der verdiente Professor Mitglied der Berliner Akademie der Wissenschaften, korrespondierendes Mitglied der Russischen Akademie der Wissenschaften und wurde im Jahr 1864, als die Wiener Universität ihr 500-Jahr-Jubiläum feierte, aufgrund seiner internationalen Bekanntheit zum Rektor gewählt.

Als er bereits 60 Jahre alt war, heiratete er seine langjährige Lebensgefährtin, die Dichterin Auguste Maria Conrad, und musste wenig später aufgrund seiner ständig zunehmenden Sehschwäche das geliebte Lehramt niederlegen. Hyrtl zog sich mit seiner Frau nach Perchtoldsdorf zurück, wo das kinderlose Paar eine Villa besaß. In der in unmittelbarer Nähe gelegenen Burg von Perchtoldsdorf richtete sich Hyrtl eine Studierstube ein, in der er sich auch weiterhin fast täglich mit anatomischen Forschungen und Präparaten beschäftigte.

Einen kleinen Teil seiner schaurig-schönen Sammlung präsentierte er 1873 sogar im Rahmen der großen Wiener Weltausstellung. Um die Bedeutung seiner Arbeit möglichst vielen Ausstellungsbesuchern verständlich zu machen, verfasste er eigens für diesen Zweck eine kleine Schrift, die er im Eigenverlag herausgab.

Hyrtls Testament begünstigte ein Waisenhaus

Aber irgendwann ging auch die Kraft, die ihn ein Leben lang angetrieben und zu Höchstleistungen angespornt hatte, zu Ende. Am 17. Juli 1894 starb Josef Hyrtl im Alter von 84 Jahren. Man fand ihn morgens tot in seinem Bett. Der berühmte Professor wurde unter großer Anteilnahme der Bevölkerung und seiner ehemaligen Kollegen und Studenten in einem Ehrengrab am Friedhof von Perchtoldsdorf beigesetzt.

Vieles von dem, was Hyrtl einst geschaffen hat, ist bis heute geblieben. Seine Fachbücher über die Anatomie werden noch in unseren Tagen gelesen, und ihre Erstausgaben sind international gesuchte Sammlerstücke. Viele seiner anatomischen und mikroskopischen Präparate befinden sich in namhaften Museen und Sammlungen. Und schließlich hat er einen beträchtlichen Teil des großen Vermögens, das er seiner Kunst verdankte, dem von ihm gegründeten Waisenhaus in Mödling hinterlassen. Die „Josef Hyrtl Waisenhausstiftung” gibt es noch heute.

Werner Thelian