Körperliche und geistige Fitness im Alter

Zur Gesundheit gehört auch die geistige Fitness. Ihr Erhalt bis ins hohe Alter ist nicht zuletzt auch eine Frage der Lebensführung. Foto: Can Stock Photo.

Dass körperliche Fitness praktisch in jedem Lebensalter gut für die Gesundheit ist, weiß man schon lange. Nun konnten Wissenschaftler der Medizinischen Universität Graz zeigen, dass sich körperliche Aktivität und regelmäßiger Sport stets auch auf die geistige Fitness auswirken. Das macht sich dann vor allem im Alter positiv bemerkbar, denn das Mehr an Bewegung hält das Gehirn viel länger in Schwung und fördert noch in deutlich fortgeschrittenen Lebensjahren das Denk- und das Lernvermögen, die Konzentrationsfähigkeit und das Gedächtnis. Auf der Grundlage dieser neuen wissenschaftlichen Erkenntnisse rückt die Möglichkeit, länger geistig fit zu bleiben, um ein beträchtliches Stück näher.

Dass zu einem gesunden Körper auch ein gesunder Geist gehört, glaubte man schon in der Antike. Auch wenn das vom Römer Juvenal stammende „Mens sana in corpore sano” („ein gesunder Geist in einem gesunden Körper”) seither oft falsch verstanden oder sogar missbraucht wurde, so gehört es doch zu den Wünschen der Menschen, möglichst lange im Leben körperlich und geistig fit zu bleiben. Nicht zuletzt definiert ja auch die Weltgesundheitsorganisation WHO Gesundheit als „Zustand des völligen körperlichen, geistigen und sozialen Wohlbefindens”.

Körper und Psyche beeinflussen einander gegenseitig

Dass es im täglichen Leben immer wieder deutliche Zusammenhänge zwischen der jeweiligen körperlichen und psychischen Verfassung gibt, kennt wohl jeder aus eigener Erfahrung. Ist unser Körper mit einer Krankheit konfrontiert, leidet unter Schmerzen oder ist durch die Folgen einer Verletzung in seinen Funktionen eingeschränkt, liegen die Auswirkungen auf die Psyche geradezu auf der Hand. Dann sind wir niedergeschlagen und deprimiert oder auch unruhig, unzufrieden, ungeduldig und launisch. Natürlich funktioniert das alles auch umgekehrt: Sorgen wir uns um nahe Angehörige, befinden uns in tiefer Trauer, sind mit scheinbar ausweglosen Situationen konfrontiert oder anhaltendem hohen Stress ausgesetzt, dann ist ziemlich bald auch der Körper in Mitleidenschaft gezogen. Wir werden anfälliger für Erkrankungen und Schmerzen, leiden unter Schlaflosigkeit, Hautproblemen usw.

Dass es alle diese Zusammenhänge gibt, die sich auch wissenschaftlich nachweisen lassen, ist schon länger bekannt. Trotzdem ist es bis heute nicht wirklich gelungen, die dabei wirksamen Kräfte und Mechanismen bis ins Detail schlüssig zu erklären. An der Medizinischen Universität Graz befindet man sich derzeit allerdings auf dem besten Weg dazu.

Geistige Fitness entsteht auch durch körperliche Aktivitäten

Seit über zwei Jahrzehnten geht man an der Medizinischen Universität Graz der Frage nach, welche Möglichkeiten es gibt, so gefährlichen „Alterserkrankungen” wie einem Schlaganfall durch eine entsprechend gesunde Lebensführung vorzubeugen. Im Rahmen der „Austrian Stroke Prevention”-Studie wurde über die Jahre hinweg eine Vielzahl von Patientendaten erhoben, die aufgrund ihrer Zusammensetzung und Aussagekraft auch andere Forschergruppen interessieren. So hat sich vor Kurzem ein Team vom Grazer Institut für Molekularbiologie und Biochemie einen Teil dieser Daten nochmals vorgenommen und einer Neubewertung unterzogen. Die Forscher möchten nun herausfinden, welche Zusammenhänge es zwischen den Funktionen von Herz und Gehirn gibt und wie bzw. wie sehr diese die Denk- und Gedächtnisprozesse – vor allem im Alter – beeinflussen.

Ausgewertet wurden die Gesundheitsdaten von fast 900 Grazerinnen und Grazern im Durchschnittsalter von etwa 65 Jahren. Die Frauen und Männer wurden erneut zu einem Fitnesstest gebeten, wobei u.a. auch das Körpergewicht und die maximale Ruheherzfrequenz gemessen wurden. Dazu kamen Überprüfungen der motorischen Fähigkeiten, der Gedächtnisleistung, des Denkvermögens und der Fähigkeit vorausschauend zu planen. Darüber hinaus wurden im Rahmen der Untersuchungen auch MRT-Scans angefertigt, um möglicherweise bereits einsetzende altersbedingte Gehirnveränderungen aufzudecken.

Die Untersuchungsergebnisse waren in ihrer Deutlichkeit überraschend. So zeigten die Tests, dass die Teilnehmer mit einer relativ hohen körperlichen Fitness zugleich auch über ein „jüngeres” Gehirn als die weniger fitten Altersgenossinnen und -genossen verfügten. Diejenigen Frauen und Männer, die sich als die insgesamt körperlich fittesten erwiesen, waren im Hinblick auf ihre Denk- und Gedächtnisleistungen um bis zu sieben Jahre „jünger”, als es ihrem tatsächlichen Alter eigentlich entsprochen hätte. Aber auch die Kehrseite der Medaille wurde aufgedeckt: Wer seine körperlichen Aktivitäten mit zunehmendem Alter immer mehr reduziert, der verringert auch recht deutlich die geistigen „Reserven”, die er für die Denk- und Gedächtnisleistungen im hohen Alter gut gebrauchen könnte.

Wodurch die bei vielen Testpersonen gemessene körperliche Fitness im einzelnen jeweils zustande kam, ließ sich natürlich nicht genau erheben. Die Forscher vermuten, dass neben der seit dem Kindes- und Jugendalter anhaltenden Lust auf Bewegung auch genetische Faktoren eine große Rolle spielen.

Verschiedene Faktoren wirksam

Das Forscherteam der Medizinischen Universität Graz geht jedenfalls davon aus, dass die geistige Fitness der Testpersonen auch auf eine höhere Sauerstoffaufnahme im Gehirn zurückzuführen ist. Dieses Plus an Sauerstoff kommt dem Gehirn und allen seinen Teilbereichen zugute, schützt die Nervenzellen und bewahrt sie davor, ab einem gewissen Alter in größerer Zahl und sehr viel rascher zugrunde zu gehen.

Die erhöhte Sauerstoffaufnahme selbst scheint wiederum in direktem Zusammenhang mit der körperlich aktiven und sportlichen Lebensweise zu stehen. Wenn sich der Körper nämlich mehr als sonst bewegt und erst recht, wenn er Sport betreibt, steigen die Atem- und die Pulsfrequenz und das Herz pumpt mehr Blut durch das Herz-Kreislaufsystem. Mit dem Blut werden Sauerstoff, Nähr- und Wirkstoffe transportiert, die für die Zellen in allen Regionen des Körpers von großer Wichtigkeit sind. Dann laufen nicht nur die Muskeln zu voller Leistungsfähigkeit auf, sondern – und das ist das eigentlich Überraschende daran – auch das Gehirn.

Neue Nervenzellen werden gebildet und stärken auch das Gedächtnis

Während Nervenzellen des Gehirns normalerweise immer dann geschädigt werden und zugrunde gehen, wenn die Versorgung mit Blut und damit mit Sauerstoff und Nährstoffen nicht ausreichend ist (Extrembeispiel Schlaganfall), bewirkt eine gute Durchblutung des Gehirns das Gegenteil: die u.a. für das Denken, für Sprache, Gedächtnis und Motorik so wichtigen Zellen werden optimal ernährt und am Leben erhalten.

Wird die Durchblutung im Gehirn durch regelmäßige körperliche bzw. sportliche Aktivitäten verbessert, werden die Gehirnzellen mit mehr Sauerstoff versorgt und sind insgesamt deutlich besser gegen Schäden und den altersbedingten Verfall geschützt. Darüber hinaus beeinflussen die Botenstoffe, die bei sportlicher Betätigung freigesetzt werden, die Chemie im Gehirn positiv, regen das Wachstum der Nervenzellen und den Informationsaustausch unter ihnen an. Nicht zuletzt werden dadurch vor allem die Denk- und die Konzentrationsfähigkeit nachhaltig unterstützt.

Aber damit noch nicht genug. Erst seit einigen Jahren weiß man mit Bestimmtheit, dass die Bildung neuer Nervenzellen beim Menschen nicht nur auf das Säuglingsalter beschränkt ist. Auch beim Erwachsenen reifen täglich noch viele Hunderte neuer Nervenzellen heran – besonders viele in Gehirnbereichen, die für das Gedächtnis zuständig sind. Und dabei sieht es ganz so aus, als würden die Neubildungen gerade durch körperliche Bewegung zusätzlich gefördert. Bis ins hohe Alter können die Nervenzellen immer neue Verbindungen und Vernetzungen untereinander eingehen, was dem Erhalt der geistigen Fitness sehr zugutekommt.

Werner Thelian

Hinterlasse jetzt einen Kommentar

Kommentar hinterlassen

E-Mail Adresse wird nicht veröffentlicht.


*