Den jahreszeitlichen Schwankungen des Immunsystems auf der Spur

Dass manche Erkrankungen zu bestimmten Jahreszeiten häufiger auftreten, ist nicht neu. Die Gründe dafür sind auch in Schwankungen des Immunsystems zu suchen. Foto: CanStock Photo.

Forscher der englischen Universität Cambridge haben eine Erklärung dafür gefunden, warum viele Erkrankungen zu bestimmten Jahreszeiten gehäuft auftreten. Demnach sind nicht nur Allergien und Erkältungen, sondern auch Diabetes und Herz-Kreislauf-Erkrankungen jahreszeitlichen Schwankungen unterworfen, die ihre Ursache offenbar in Aktivitätsveränderungen bestimmter Gene und des Immunsystems haben.

Dass viele Allergien, aber auch Husten, Schnupfen und Erkältungen zu bestimmten Zeiten des Jahres häufiger auftreten, ist eine altbekannte Tatsache, die sich u.a. durch das Vorhandensein von Allergenen und die Einflüsse von Temperatur- und Witterungsbedingungen erklären lässt. Darüber hinaus sind auch viele Stoffwechselvorgänge den jahreszeitlichen Schwankungen unterworfen. Das betrifft u.a. den Vitamin-D-Haushalt des menschlichen Körpers, der vorwiegend von der Sonneneinstrahlung abhängig ist.

Weniger bekannt ist jedoch, dass auch Autoimmunerkrankungen wie Diabetes und Multiple Sklerose sowie Herz-Kreislauf-Erkrankungen und bestimmte psychische Erkrankungen jahreszeitliche Schwankungen erkennen lassen. Warum das so ist, konnte bisher noch nicht schlüssig erklärt werden. Vor Kurzem haben jedoch Forscher der Universität Cambridge eine Studie veröffentlicht, deren Ergebnisse nahelegen, dass die eigentlichen Ursachen der Schwankungen in den Genen zu finden sind. So weist jedes vierte Gen im Laufe eines Jahres deutliche Aktivitätsveränderungen auf, was sich wiederum auf das Immunsystem und damit auf die körpereigenen Abwehrkräfte auswirkt.

Mindestens 5.000 Gene betroffen

Insgesamt konnten bisher an mehr als 5.000 Genen des menschlichen Erbgutes längerfristige Veränderungen der Aktivität zu bestimmten Jahreszeiten nachgewiesen werden. Während manche dieser Gene im Sommer aktiver sind, sind es andere im Herbst oder im Winter. Nach den Erkenntnissen der Forscher aus Cambridge hat das direkte Auswirkungen vor allem auf jene Zellen, die für die Immunabwehr im menschlichen Körper zuständig sind und beeinflusst auch die Zusammensetzung des Blutes und des Fettgewebes. Überrascht waren die Forscher vor allem von dem Ausmaß, in dem sich das Immunsystem verändert.

Bessere Therapiewirkung

Wichtig ist diese Erkenntnis vor allem deshalb, weil sie in Zukunft noch wirksamere Therapien gegen Diabetes und andere Erkrankungen ermöglichen könnte. Mit positiven Auswirkungen rechnen die Forscher auch bei Impfprogrammen. Wenn die Impfung nämlich dann erfolgt, wenn das Immunsystem bereits entsprechend „vorbereitet” ist, kann sie viel effektiver sein.

Das Immunsystem „ahnt” offenbar bestimmte Gefahren im Voraus

Insgesamt haben die Forscher aus Cambridge das Blut und das Fettgewebe von mehr als 16.000 Menschen in Großbritannien, den USA, Island, Australien und Gambia untersucht und dabei festgestellt, dass sich die über 5.000 in ihrer Aktivität jahreszeitlich abhängigen Gene in verschiedenen Regionen der Welt unterschiedlich verhalten. So zeigten etwa die Blutproben aus dem afrikanischen Gambia immer dann eine besonders hohe Zahl von Immunzellen, wenn sie im Laufe der Regenzeit (Juni bis Oktober) entnommen wurden. In der Regenzeit sind Infektionserkrankungen in den afrikanischen Ländern besonders stark verbreitet – v.a. solche, die durch Moskitos übertragen werden. Das Immunsystem versucht offenbar, sich rechtzeitig gegen mögliche Gefahren zu wappnen.

Was letztlich für die Feinregulierung dieses von den Jahreszeiten beeinflussten Systems sorgt, ist zwar auch weiterhin nicht ganz klar, aber die Forscher der Universität Cambridge gehen davon aus, dass vor allem das Tageslicht, die Stärke der Sonneneinstrahlung und die dadurch verursachte Umgebungstemperatur als ausschlaggebende Faktoren infrage kommen.

Werner Thelian

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