Leonardo da Vinci

Leonardo da Vinci, Statue in Florenz

Leonardo da Vinci (1452 – 1519) galt schon zeit seines Lebens als Künstlergenie. Aber erst Jahrhunderte nach seinem Tod entdeckte man auch seine Leistungen auf den Gebieten der Technik und Architektur, vor allem jedoch seine verblüffenden Studien über die menschliche Anatomie. Letztere stoßen gerade heute wieder auf großes wissenschaftliches Interesse. So hat das Universalgenie Leonardo auch Anteil an der Medizingeschichte.

Ein halbes Jahrhundert war Leonardo schon tot, als Giorgio Vasari, selbst Künstler und einer der ersten Kunsthistoriker, über ihn schrieb: „Wohin er den Geist auch lenkte, verhalf ihm seine Begabung, die schwierigsten Dinge mit Leichtigkeit zur Vollendung zu bringen.” Vasari überlieferte in seiner 1568 erschienenen Biografie Leonardos jedoch vor allem das Bild des stets schaffenden, denkenden und erfindenden Genies, das sich fortan hartnäckig halten und im Laufe der Jahrhunderte Heerscharen von Künstlern, Kunsthistorikern und Erfindern beeindrucken, inspirieren und beeinflussen sollte. Bis zum heutigen Tag.

Während Leonardo da Vinci als Künstler und teilweise auch als Techniker schon zu Lebzeiten eine Legende war, wurden seine anderen Arbeiten – auf den Gebieten der Architektur, der Naturwissenschaften, der Philosophie und der Anatomie – erst im 19. Jahrhundert anhand seiner Briefe, Skizzen und Tagebücher entdeckt. Damit wurde Leonardo da Vinci endgültig zum „Universalgenie”, über das der Schweizer Historiker Jakob Burckhardt schrieb: „Die ungeheuren Umrisse von Leonardos Wesen wird man ewig nur von ferne ahnen können.”

Ein ungewöhnliches Kind seiner Zeit

Leonardo, von dem nur ein einziges Selbstbildnis erhalten ist, das er im Alter von 60 Jahren schuf, wurde am 15. April 1452 im kleinen italienischen Dorf Vinci in der Toskana geboren. Er war der uneheliche Sohn eines Bauernmädchens und eines Notars und wuchs beim Großvater auf. Weil er keine wirkliche Schulbildung besaß und ihm auch später im Gegensatz zu anderen ein akademischer Weg verwehrt blieb, bezeichnete er sich oft selbst als ungebildet. Dafür wurde schon in seiner Kindheit seine außerordentliche künstlerische Begabung offenbar, die auch von einem regen Interesse an der Natur und ihren Lebewesen begleitet war.

1469 übersiedelte Leonardo zum Vater nach Florenz und erhielt dort die Möglichkeit, in der Werkstatt des berühmten Bildhauers Andrea del Verrocchio zu lernen. Der Meister, dessen Schüler und Mitarbeiter Leonardo 12 Jahre lang war, erkannte schon bald das Ausnahmetalent und förderte es. Nach Abschluss der Lehre widmete sich Leonardo weiteren Aspekten der Malerei, so z. B. den Problemen der Perspektive und den richtigen Proportionen von Körpern und Dingen, die ihm stets besonders wichtig waren. So kam Leonardo da Vinci schließlich auch zur Anatomie, zur Wissenschaft vom Aufbau des Körpers.

Leonardos anatomische Studien

Leonardo führte nach seiner Ausbildung ein sehr wechselvolles Leben, das ihn an die Höfe großer Herrscher führte, für die er arbeitete. Er schuf berühmte Werke der Malerei, betätigte sich aber auch als Architekt, Ingenieur, Erfinder und Erkenntnissuchender. Er skizzierte und baute Kriegsmaschinen, Befestigungen, Dämme und Kanäle und beschäftigte sich zumindest gedanklich mit der Erfindung von gepanzerten Fahrzeugen, ausgeklügelten Maschinen und frühen Fluggeräten. Er war aber auch der erste Künstler überhaupt, von dem bekannt ist, dass er Leichen sezierte. Die anatomischen Skizzen, die dabei entstanden, sind heute nicht nur ebenso kostbare wie einzigartige Kunstwerke, sondern ermöglichen tiefe Einblicke in das Wesen und die Natur des Menschen, in die Funktionen des menschlichen Körpers und das feine Zusammenspiel von allem mit allem in der Natur.

Dabei erwies sich der Künstler aus Vinci auch als äußerst mutig. Als er seine anatomischen Skizzen schuf und dafür Untersuchungen an Leichen anstellte, war es vonseiten der mächtigen Kirche her selbst Ärzten noch immer verboten, menschliche Körper bzw. Leichname zu öffnen. Dennoch wagte es Leonardo wiederholt – ganz im Geheimen. Was er bei der Öffnung der Körper zu sehen bekam und oft bis ins kleinste Detail erforschte, nutzte er wiederum, um seine Malkunst weiter zu perfektionieren, die Proportionen zu verfeinern und komplexe Bewegungsabläufe zu verstehen.

Am Anfang beschäftigte er sich mit dem menschlichen Schädel. Er präparierte verschiedene Exemplare, um sie danach aus den unterschiedlichsten Perspektiven zu zeichnen. Auch das Auge faszinierte ihn. Er folgte den Sehbahnen und fand die Stelle im Gehirn, wo sie sich kreuzen. Leonardo vermutete genau dort den Sitz der menschlichen Seele.

Aber Leonardo studierte auch die spärlich vorhandene Fachliteratur über Anatomie. Hauptsächlich waren es Werke, die noch aus der Zeit des griechischen Arztes Galen (ca. 129 – 200 n. Chr.) stammten, dessen Behauptungen bisher nicht nur niemand in Zweifel gezogen, sondern auch niemand an menschlichen Körpern überprüft hatte. Viele von Galens Ansichten über die menschliche Anatomie waren jedoch falsch, weil er sie, durch Verbote beschränkt, bei der Sektion von Tieren gewinnen musste und einfach auf den Menschen übertrug.

Nach Leonardos Zeit in Mailand, wo er für das Herrscherhaus tätig war, Kunstwerke schuf und Kanäle und Schleusen baute, kehrte er schließlich wieder nach Florenz zurück. Dort schuf er nicht nur das Gemälde der „Mona Lisa”, sondern führte auch seine anatomischen Forschungen weiter.

Interesse für das Innere und seine Veränderungen

Als Leonardo 1503 erfuhr, dass in einem florentinischen Spital trotz aller kirchlichen Verbote regelmäßig Leichen geöffnet wurden, bemühte er sich sofort um die Erlaubnis, Sektionen durchführen zu dürfen. Tatsächlich erhielt er sie. Im Laufe einiger Jahre soll er über 30 Leichen seziert und dabei Körperteile systematisch untersucht und mittels Skizzen festgehalten haben. Sein Interesse galt den Muskeln, den Knochen und der Wirbelsäule ebenso wie den Organen, bei deren Untersuchung er etliche Details entdeckte, die in der Medizin und den anderen Wissenschaften bis dahin gänzlich unbekannt waren.

An der Leiche eines Hundertjährigen erkannte Leonardo, dass sich im Laufe des Lebens nicht nur das Äußere des Menschen verändert, sondern auch – mehr als er erwartet hatte – sein Inneres. Er sah, dass z. B. die Blutgefäße eines jungen Menschen normalerweise noch glatt und gerade sind, während sie sich im Alter zunehmend verkrümmen und verdicken. Wenn man so will, war Leonardo der Erste, der die Arteriosklerose entdeckte. Erst als das Krankenhaus seine ursprüngliche Erlaubnis zurückzog, musste sich Leonardo mit dem Sezieren von Tierkörpern begnügen. Als er das Herz eines Schweins untersuchte, entdeckte er, dass das Herz ein Muskel ist.

Nach Leonardos Tod in Frankreich – er starb übrigens an Arteriosklerose – blieben seine anatomischen Skizzen lange unbeachtet. Es sollte noch Jahrhunderte dauern, ehe sie erstmals veröffentlicht wurden und weltweit Beachtung fanden.

Werner Thelian