Medizingeschichte: Seit der ersten Herztransplantation hat sich viel getan

Der Herzspezialist Dr. Christiaan Barnard

Vor fast fünfzig Jahren gelang einem südafrikanischen Ärzteteam unter der Leitung von Dr. Christiaan Barnard die weltweit erste erfolgreiche Herztransplantation. Obwohl der Patient drei Wochen später starb, war am Groote Schuur Krankenhaus in Kapstadt eine der bedeutendsten Operationen des 20. Jahrhunderts gelungen. Dr. Barnard, durch sie und sein aufregendes Jetset-Leben zu einer lebenden Legende geworden, bemühte sich im Alter um die Erlangung der österreichischen Staatsbürgerschaft.

Es war eine unglaubliche Sensation, von der die Weltöffentlichkeit im Dezember 1967 erfuhr und die selbst die medizinische Fachwelt überraschte. Außer ein paar wenigen Eingeweihten, die sich als erstaunlich verschwiegen erwiesen, hatte damals wohl niemand damit gerechnet, dass man ausgerechnet am Groote Schuur Hospital in Kapstadt Medizingeschichte schreiben würde. Und zwar mit einer Operation, die vor noch nicht allzu langer Zeit als gänzlich undurchführbar gegolten hatte: der Verpflanzung eines noch biologisch aktiven Herzens von Mensch zu Mensch.

Unter Experten munkelte man zwar schon seit Längerem, dass auserlesene Herzspezialisten in Europa und den USA an der Entwicklung einer solchen Operationstechnik arbeiteten, aber ausgerechnet mit den Südafrikanern hatte nun wirklich niemand gerechnet. Trotzdem konnte der damals 45 Jahre alte südafrikanische Herzchirurg Dr. Christiaan Barnard (1922 – 2001) in den frühen Morgenstunden des 3. Dezember 1967 nach einer mehrstündigen Operation ausrufen: „Wir haben es geschafft! Jesus, wir haben es geschafft!”

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Der erste Patient überlebte die Operation 18 Tage

Christiaan Barnard entstammte einer burischen Predigerfamilie, hatte drei Brüder und wuchs gemeinsam mit ihnen in eher ärmlichen Verhältnissen auf. Nach dem Medizinstudium, das er mit großer Begeisterung und viel Fleiß absolvierte, gelangte er als Chirurg zu einigem Ansehen, das durch zahlreiche schwierige Operationen weiter gesteigert wurde. Und dann kam die Nacht vom 2. auf den 3. Dezember 1967, in der Barnard und sein Team versuchten, einem schwerkranken Patienten durch eine Herztransplantation das Leben zu retten.

Der Patient war der 54 Jahre alte Kaufmann und schwere Diabetiker Louis Washkansky, der zwei Herzinfarkte hinter sich hatte und dem Tod schon so nahe war, dass seine letzte Chance in dem äußerst gewagten Eingriff bestand. Das Spenderherz, das sein Leben noch einmal verlängern sollte, stammte von einer jungen Frau, die bei einem Verkehrsunfall ums Leben gekommen war. Tatsächlich verlief die Herztransplantation so gut, dass sich der Washkansky schon bald auf dem Weg der Besserung befand.

Die Medien berichteten weltweit über das Ereignis, lieferten Bilder und Interviews aus dem Groote Schuur Krankenhaus und nannten dabei, was zuvor nicht üblich war, stets den vollen Namen des Patienten. Neben dem sich erholenden und wieder recht zuversichtlichen Washkansky galt ihre Aufmerksamkeit v.a. Dr. Christiaan Barnard, der Interviews bereitwillig zustimmte und so praktisch über Nacht zum großen Weltstar der Medizin avancierte. Der südafrikanische Herzchirurg erlangte so große Berühmtheit, dass er noch zu Lebzeiten zur Legende wurde. Daran hatte freilich auch das umtriebige Jetset-Leben Anteil, das ihn in den kommenden Jahren immer wieder in die internationalen Schlagzeilen brachte.

An der Bewunderung für Barnard änderte sich auch nichts, als sein berühmter Patient, Louis Washkansky, der das Weihnachtsfest 1967 noch zu erleben gehofft hatte, 18 Tage nach der Operation doch noch starb – und zwar an einer chronischen Entzündung des Lungengewebes, die infolge der körpereigenen Abstoßungsprozesse gegen das neue Organ aufgetreten war.

Trotzdem hatte Barnard mit der wohl größten Operation des 20. Jahrhunderts der Herzchirurgie neue und äußerst vielversprechende Wege gewiesen. Nun konnten auch andere Spezialisten auf Barnards Pionierleistungen aufbauen, die vorhandenen Verfahren und Methoden weiterentwickeln und nach Möglichkeiten suchen, die gefürchteten Abstoßungsreaktionen zu verhindern oder zu umgehen. So gab es in relativ rascher Folge zahlreiche weitere Herztransplantationen, wenn auch nach wie vor die meisten Patienten – wie einst Washkansky – daran starben, entweder bei der Operation selbst oder in den Tagen und Wochen danach.

Dr. Christiaan Barnard führte im Laufe seiner medizinischen Karriere noch etwa 50 Herztransplantationen durch, die jedoch stets mit dem hohen Risiko einer Abstoßung des eingepflanzten Organs verbunden waren. Seinen Ruhestand verbrachte er dann teilweise in Österreich, wo er eine Stiftung zur Unterstützung benachteiligter Kinder in aller Welt gründete und sich auch um die österreichische Staatsbürgerschaft bemühte, die er jedoch erst zwei Tage vor seinem Tod erhielt. Dr. Christiaan Barnard starb am 2. September 2001 auf Zypern an einem Asthmaanfall.

Neue Medikamente

Die Herztransplantationen konnten sich erst wirklich durchsetzen, als es neue Medikamente schließlich ermöglichten, die Abstoßung des neuen Herzens durch den Körper, in den es verpflanzt wurde, immer erfolgreicher zu verhindern. Als man 1980 endlich so weit war, entstanden nach und nach überall auf der Welt hoch spezialisierte Herzzentren, in denen von Jahr zu Jahr immer mehr Herztransplantationen durchgeführt wurden.

Die erste Herztransplantation in Österreich fand am 11. Oktober 1983 an der Universitätsklinik Innsbruck statt und wurde von dem bekannten österreichischen Chirurgen Prof. Dr. Raimund Margreiter (geb. 1941) geleitet. Schon bald darauf folgten weitere Operationen an den Universitätskliniken in Wien und in Graz.

Heute, mehr als drei Jahrzehnte später, erhalten in Österreichs Herzzentren jedes Jahr etwa 55 Menschen ein Spenderherz. 85 Prozent der Patienten überleben das erste Jahr nach der Transplantation, und auch die Fünf-Jahre-Überlebensrate liegt in Österreich bei gegenwärtig über 70 Prozent. Allerdings stehen bei weitem nicht ausreichend Spenderherzen zur Verfügung. Laut Österreichischem Institut für Gesundheitswesen (ÖBIG) warten hierzulande Jahr für Jahr etwa 75 Menschen auf ein neues Herz.

Werner Thelian

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