Carl Koller

Seit der Entdeckung der Äthernarkose um die Mitte des 19. Jahrhunderts konnten chirurgische Operationen nun endlich schmerzfrei für die Patienten durchgeführt werden. Weil man jedoch bald erkannte, dass eine vollständige Narkose für den in den Tiefschlaf versetzten Körper nahezu immer mit erheblichen Belastungen und zumindest damals oft auch mit Gefahren verbunden war, suchte man nach einer Möglichkeit, um bestimmte Körperregionen zu betäuben, ohne sozusagen das Gesamtsystem außer Betrieb zu setzen. Der überraschende Durchbruch auf diesem Weg gelang dem 1884 dem Wiener Augenarzt Dr. Carl Koller.

Obwohl sich die vom Bostoner Zahnarzt William Thomas Green Morton entdeckte allgemeine Narkose innerhalb kürzester Zeit als wahrer Segen für die Chirurgen und ihre Patienten erwiesen hatte, wurden bald auch ihren Nachteile und beträchtlichen Einschränkungen erkannt. Die Vollnarkose, meistens mit Äther durchgeführt, belastete den gesamten Körper des Patienten, brachte noch immer ganz erhebliche Nebenwirkungen mit sich und war auch sonst nach wie vor mit so manchen völlig unkal­kulierbaren Risiken verbunden. Darüber hinaus erwies sie sich bei bestimmten Operationen in abgegrenzten Körperbereichen als alles andere als ideal. Nicht immer, so die Ärzte, sei es wünschenswert, den gesamten Körper „auszuschalten“.

Der Durchbruch erfolgte ausgerechnet in der Augenmedizin

Vor allem die Augenärzte wiesen immer wieder darauf hin, dass die Vollnarkose für viele ihrer Eingriffe kaum geeignet war. Eine Lösung für das Problem konnte aber niemand finden. Dann trat jedoch ein junger, besonders ehrgeiziger Augenarzt aus Österreich-Ungarn auf den Plan: Dr. Carl Koller. Er stammte aus Nordböhmen, hatte an der Universität Wien Medizin studiert und arbeitete als Sekundar­arzt an der II. Augenklinik am Wiener AKH. Koller strebte in seinem Fachbereich, der Ophthalmologie, eine Assistentenstelle an, die ihm jedoch wegen seiner jüdischen Herkunft verwehrt blieb. Koller wurde mehr und mehr bewusst, dass es großartiger wissenschaftlicher Leistungen bedürfen würde, um die Grenzen, die ihm durch seine Herkunft gesetzt waren, zu überwinden und sich in der Ophthalmologie durchzusetzen.

Als er daher nach noch ungelösten Problemen der Augenmedizin suchte, erinnerte er sich wieder daran, wie oft seine Professoren an der Universität davon gesprochen hatten, dass sich die Vollnarkose bei Operationen am Auge nur wenig bis gar nicht eigne. Eine lokale Betäubung sei zwar wünschenswert, aber eben noch nicht entdeckt und daher sehr wahrscheinlich auch gar nicht möglich. Koller begann also, sich mit dem Problem zu befassen. Er begann zu experimentieren. Zunächst versuchte er es mit bekannten Stoffen wie Chloralhydrat, Bromwasserstoffsäure und Morphium, musste jedoch in allen diesen Fällen feststellen, dass auch sie nicht die erhofften Wirkungen zeigten. Dann wurde er ausgerechnet durch einen Kollegen aus einem ganz anderen Fach, den Wiener Nervenarzt Dr. Sigmund Freud, der damals noch nicht so bekannt wie später war, auf etwas ganz anderes, geradezu abwegiges aufmerksam gemacht: auf Kokain, das Freud damals gerade aus ganz anderen Gründen erforschte.

Koller griff Freuds Hinweis tatsächlich auf, ging erneut ins Labor, löste einige Cocain-Hydrochlorid-Kristalle in destilliertem Wasser auf und erprobte die so gewonnene Lösung an einem Frosch aus dem Aquarium. Er träufelte dem Versuchstier die Lösung in eines der vorstehenden Augen. Und tatsächlich. Das Ergebnis war mehr als vielversprechend. Obwohl der Frosch keineswegs betäubt war, zeigte das behandelte Auge sogar dann keinerlei Reaktionen, wenn die Hornhaut des Tieres mit einer Nadel berührt wurde. Am zweite, unbehandelten Auge waren während dieser ganzen Zeit auch weiterhin die ganz normalen Reflexe zu beobachten.

Koller erprobte seine überraschende Ent­deckung zunächst auch noch an Kaninchen und Hunden und wagte schließlich in Anwesenheit eines befreundeten Kollegen einen ersten Selbstversuch. Jedes Mal, wenn Koller es darauf ankommen ließ, stellte sich auch tatsächlich der gewünschte Effekt der vollkommenen Ruhigstellung ein. Auch als er seine auf Kokain basierende Methode an Kollegen und Patienten erprobte, erwies sich die lokal begrenzte Narkose stets als besonders zuverlässig, ermöglichte den schmerzfreien Eingriff und löste sich anschließend wieder auf. Koller hatte mit dem Kokain das erste medizinisch einsetz- und kontrollierbare Lokalanästhetikum gefunden.

Die letzten Zweifel, die Koller damals vielleicht noch hatte, wurden spätestens am 11. September 1884 ausgeräumt, als er mit großem Erfolg eine Staroperation an einem Patienten durchführte. Danach ging es Koller vor allem darum, seine Entdeckung so rasch wie möglich in Fachkreisen bekannt zu machen. Er wusste, dass auch andere forschten und an Lösungen arbeiteten und wollte um jeden Preis verhindern, dass ihm womöglich in letzter Sekunde noch jemand zuvorkam. Er plante daher, den unmittelbar bevorstehenden Ophthalmologie-Kongress in Heidelberg dafür zu nutzen, um seinen Fachkollegen über die Möglichkeit der Lokalanästhesie bei Augenoperationen zu informieren. Weil es ihm aber – wie es heißt aus finanziellen Gründen – nicht möglich war, selbst nach Heidelberg zu reisen, bat er einen Kongressteilnehmer aus Triest, darüber zu berichten. Der Kollege hielt sein Wort. Kollers Entdeckung sorgte am Kongress der Ophthalmologen für großes Aufsehen und wurde durch die anschließende Berichterstattung der Zeitungen in aller Welt bekannt.

Nicht der Einzige, aber der Erste

In der Zeit danach erschienen zahlreiche Publikationen, in denen bald kein Zweifel mehr daran gelassen wurde, dass Kollers Methode sich nicht nur für die Augenheilkunde, sondern auch für viele andere Fachbereiche der Medizin ganz hervorragend eignete. Aber zugleich zeigte es sich auch, dass Kollers an den Tag gelegte Eile, seine Entdeckung so rasch wie möglich öffentlich zu machen, nicht ganz unbegründet gewesen war. Es gab nämlich nun auch andere, die ihre Ansprüche anmeldeten.

Ein Pharmakologe aus Würzburg behauptete, dass in Wirklichkeit einer seiner Schüler als Erster das Prinzip der Lokalanästhesie entdeckt habe. Und dann gab es auch noch einen direkten Kollegen Kollers, den Wiener Ophthalmologen Dr. Leopold Königstein, der tatsächlich völlig unabhängig von Koller die lokalanästhetische Wirkung von Kokain bei augenärztlichen Eingriffen nachgewiesen, seine Ergebnisse jedoch erst später publiziert hatte. Koller kam in den sich anbahnenden Konflikten allerdings zugute, dass er besonders prominente Fürsprecher auf seiner Seite hatte. Sowohl Sigmund Freud als auch der Nervenarzt Julius Wagner-Jauregg setzten sich so vehement und erfolgreich für ihn ein, dass Königstein schließlich nachgeben musste. Und von dem Pharmakologie-Studenten aus Würzburg war dann auch nichts mehr zu hören.

Aber es wurde auch weiterhin emsig geforscht. So erkannte der amerikanische Chirurg William Halsted schon bald, dass sich die Schmerzleitfähigkeit von Nervenbahnen durch gezielte Injektionen einer Kokainlösung herabsetzen ließ. Obwohl auch das Kokain nicht ohne unerwünschte Nebenwirkungen war, blieb es von nun an als Lokalanästhetikum unersetzlich. Es wurde sogar mit der Zeit immer sorgloser eingesetzt. So erhöhte es bald die Wirksamkeit von Zahnschmerzmitteln für Kinder und Erwachsene, diente als allgemein stimulierendes und stärkendes Medikament und wurde ab 1885 von einem amerikanischen Apotheker sogar einem neuen Modegetränk beigemengt, das daraufhin sehr erfolgreich geradezu als Allheilmittel beworben wurde: Coca-Cola.

Kokain kommt ins Gerede

Im Laufe der Zeit wurde es immer deutlicher, dass Kokain in Wirklichkeit zumindest eine sehr zwiespältige Substanz war. Es erzeugte bei den Patienten nicht nur mehr oder weniger stark ausgeprägte Rausch- und Betäubungszustände, sondern führte manchmal auch zu ausgesprochenen Vergiftungen. Auch einige Todesfälle waren in diesem Zusammenhang zu verzeichnen. Das führte schließlich dazu, dass die Behörden zu Beginn des 20. Jahrhunderts in vielen Ländern strenge Reglementierungen einführten und Kokain – abseits seiner streng kontrollierten medizinischen Verwendung – schließlich sogar vollkommen verboten.

Aber auch in der Medizin, wo man Kokain immerhin zwei Jahrzehnte lang sehr oft und sehr intensiv eingesetzt hatte, suchte man längst schon wieder nach neuen, ungefährlicheren Substanzen. Ein entscheidender Schritt auf diesem Weg war das in Deutschland entwickelte und hergestellte Novocain, das sich als relativ ungiftig und zugleich sehr zuverlässig erwies. Das synthetische Narkotikum wurde 1905 patentiert und hielt dann rasch Einzug in die Operationssäle der Krankenhäuser. Es war die erste einer ganzen Reihe von synthetischen Substanzen, die der Anästhesie heute zur Verfügung stehen.

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Auch in Carl Kollers Leben hatte sich mittlerweile einiges geändert. Nur wenige Monate nach seinem wissenschaftlichen Durchbruch auf dem Gebiet der Lokalanästhesie beschimpfte ihn ein Universitätskollege in der Öffentlichkeit wegen seiner jüdischen Herkunft, woraufhin ihm der leicht aufbrausende Koller einen heftigen Faustschlag in das Gesicht versetzte. Im Jänner 1885 kam es deshalb zu einem Säbelduell, bei dem Koller seinen Kontrahenten einige tiefe Schnittverletzungen beifügten. Weil Duelle jedoch damals längst behördlich verboten waren, musste Koller nun erntshaft strafrechtliche Konsequenzen fürchten. Er litt auch zunehmend psychisch unter dem Skandal, den sein Handeln und die Berichterstattung der Medien ausgelöst hatten. Weil eine akademische Karriere in Wien nun endgültig außer Reichweite zu sein schien, verließ Koller Österreich-Ungarn und hielt sich zunächst eine Zeitlang in Utrecht und in London auf, ehe er im Mai 1888 als Auswanderer nach New York weiterreiste. In den USA führte er bis 1942 eine augenärztliche Praxis und arbeitete am Mount Sinai Hospital. Carl Koller starb am 22. März 1944 in New York.