Alois Alzheimer

Dr. Alois Alzheimer starb vor 100 Jahren in Breslau.

Vor 100 Jahren starb der deutsche Nervenarzt Dr. Alois Alzheimer (1864 – 1915), der zu Beginn des 20. Jahrhunderts als Erster jene Krankheit beschrieb, die bis heute seinen Namen trägt. Die merkwürdige Erkrankung des Gehirns, die Alzheimer u.a. an der Patientin Auguste Deter entdeckte, beobachtete und erforschte, ist heute längst schon zu einer echten Volkskrankheit der älteren Generation geworden: Morbus Alzheimer oder auch die Alzheimersche Krankheit.

Alois Alzheimer wurde am 14. Juni 1864 im deutschen Städtchen Marktbreit am Main geboren. Als ältester Sohn eines Notars und dessen zweiter Ehefrau fand er von Anfang an gute Voraussetzungen vor, um später einen erfolgreichen Lebensweg zu beschreiten. Nach Schulbesuchen in Marktbreit und Aschaffenburg studierte er an den Universitäten Berlin und Tübingen Medizin und schloss sein Studium schließlich mit „sehr gutem” Erfolg an der Universität Würzburg ab. Seine Dissertation war der Funktion der „Ohrenschmalzdrüsen” gewidmet und so kompakt, dass sie lediglich 17 Seiten umfasste.

Arbeit mit Nervenkranken

Nach Erlangung der Doktorwürde bewarb er sich 1888 bei der „Städtischen Anstalt für Irre und Epileptische” in Frankfurt am Main und wurde dort zunächst als Assistenzarzt aufgenommen. Die Heilanstalt, die von der Bevölkerung eher geringschätzig als „Irrenschloss” bezeichnet wurde, war in Wirklichkeit eine der modernsten und fortschrittlichsten Einrichtungen ihrer Art.

Das Haus hatte man zu Beginn der 1860er Jahre auf Initiative des Psychiaters Dr. Heinrich Hoffmann, der ihm auch als erster Direktor vorstand, am Westrand der Stadt erbaut. Hoffmann, der nebenbei als Schriftsteller (z. B. „Struwwelpeter”) tätig war, setzte dort zahlreiche Reformen durch. Er verstand Geisteskrankheiten als echte Krankheiten, setzte sich für die humane Behandlung der Patienten ein und legte im Klinikalltag großen Wert auf vernünftige Ernährung, Ordnung und Sauberkeit. Die Fenster der Krankenzimmer waren nicht vergittert und auch Zwangsjacken und Zwangsernährung lehnte Hoffmann ab. Die Patientinnen und Patienten durften sich in der Klinik und in den Parkanlagen relativ frei bewegen und wurden danach mit warmen und entspannenden Wannenbädern therapiert.

Als Alzheimer an der Klinik tätig wurde, zog sich Hoffmann gerade in den Ruhestand zurück. Sein Nachfolger, Direktor Dr. Emil Sioli, setzte Hoffmanns Reformen fort und sammelte ein verlässliches Team von Ärzten um sich, zu dem nun auch Alois Alzheimer gehörte. Die Arbeit an der Klinik gab Alzheimer die Möglichkeit, sich überall in sinnvoller Weise einzubringen. Auch sein Privatleben war in diesen Jahren zunächst von Glück und Freude gekennzeichnet. Er verliebte sich in die junge Witwe eines Diamantenhändlers, heiratete sie und hatte mit ihr drei Kinder. Aber das private Glück war nicht von Dauer. 1901 starb seine innig geliebte Frau und Alzheimer blieb mit den Kindern allein zurück.

Das Jahr 1901 sollte aber auch in anderer Hinsicht zu Alzheimers Schicksalsjahr werden. Wenige Monate nach dem Tod seiner Frau lernte er an der Klinik eine Patientin kennen, deren merkwürdige Erkrankung sein Leben veränderte.

Der Fall Auguste Deter

Die Patientin Auguste Deter, verheiratet mit einem Eisenbahnkanzlisten, war 51 Jahre alt, als sie im November 1901 in die Heilanstalt aufgenommen wurde. Schon einige Zeit davor hatte sie damit begonnen, sich ausgesprochen sonderbar zu verhalten. Ihr Verhalten war für viele geradezu beängstigend. Sie, die zuvor ein recht normales Leben geführt hatte, zeigte immer häufiger Zustände von höchster Unruhe und Verwirrung, die sich u.a. in Form einer offenbar völlig grundlosen Eifersucht gegen ihren Mann äußerten. Sie verlegte oft Gegenstände, fühlte sich beob­achtet und verfolgt, konnte bald einfache Tätigkeiten im Haus nicht mehr ausführen, war zunehmend orientierungslos, hatte Sprachstörungen und wies eine ausgeprägte Gedächtnisschwäche auf. Sie beschimpfte Nachbarn und Bekannte und wurde schließlich in die Klinik aufgenommen, wo ihr Verhalten auch den Ärzten große Rätsel aufgab.

Alzheimer interessierte sich von Anfang an für den Fall. Als er Auguste Deter immer wieder befragte, waren ihre Antworten meist konfus. Oft erinnerte sie sich nicht einmal an ihren eigenen Namen oder schrieb ihn falsch und verdreht auf ein Blatt Papier. Sie war ängstlich und konnte Gegenstände oft nicht benennen. Sagte man ihr den Namen, hatte sie ihn schon unmittelbar darauf wieder vergessen. Nur ab und zu äußerte sie den bemerkenswerten Satz: „Ich habe mich sozusagen selbst verloren.”

Während der körperliche Allgemeinbefund der Patientin, abgesehen von ihrem Untergewicht, weitgehend normal war, erinnerte ihr geistiger Zustand Alzheimer am ehesten an „altersbedingten Schwachsinn”. Aber dafür war diese Patientin eigentlich noch viel zu jung. Allmählich begann er zu vermuten, dass es sich bei Deters Krankheit um eine besondere, möglicherweise völlig eigenständige und bisher unbekannte Form der Demenz handeln könnte.

Alzheimers Beschäftigung mit der Patientin endete zunächst, als er 1903 Frankfurt verließ, um zuerst in Heidelberg und dann noch im selben Jahr in München an der Universitätsklinik tätig zu werden. In München baute er ein modernes Laboratorium mit Mikroskopen auf, forschte intensiv und hielt zahlreiche Vorträge. Immer wieder erinnerte er sich jedoch an seine einstige Patientin Deter und ließ sich bald telefonisch über die weitere Entwicklung ihrer Krankheit auf dem Laufenden halten. Einmal verhinderte er sogar, dass sie an eine andere Klinik verlegt wurde. Immer öfter gab Alzheimer zu erkennen, dass er an der mikroskopischen Untersuchung ihres Gehirns interessiert war.

1906 war es schließlich soweit. Auguste Deter, längst bettlägerig, starb im Alter von 56 Jahren an einer Blutvergiftung, die auf Wundliegen zurückzuführen war. Alzheimer ließ sich neben den Krankheitsakten auch ihr Gehirn zuschicken, entnahm Gewebeproben und untersuchte sie unter dem Mikroskop. Dabei entdeckte er zahlreiche Auffälligkeiten, die er so noch nie bei einem anderen Patienten gesehen hatte. Er berichtete schließlich über eine „eigenartige Erkrankung der Hirnrinde”, deren Wesen jedoch auch er nicht näher bestimmen konnte. Der Blick durch das Mikroskop zeigte merkwürdige Eiweißablagerungen, die über die gesamte Hirnrinde verstreut waren. Am stärksten war die Großhirnrinde betroffen. Milliarden von Nervenzellen waren zugrunde gegangen. Ein Zerstörungswerk, das weder er noch seine Kollegen in dieser Form jemals zuvor gesehen hatten.

Der Weg zur Anerkennung

Die Untersuchung von Deters Gehirn wurde für Alzheimer zur Initialzündung. Noch im selben Jahr, im November 1906, stellte er seine bisherigen Untersuchungsergebnisse im Rahmen einer Fachtagung in Tübingen vor und präsentierte den dort versammelten Kollegen den Fall „Auguste D.” als Beispiel für eine offenbar ganz neue und eigenständige Erkrankung der Hirnrinde, die er als „Krankheit des Vergessens” bezeichnete.

Obwohl er die Krankheitsgeschichte offenlegte, die Befunde vorzeigte und seine persönlichen Beobachtungen bei den unzähligen Gesprächen mit der Patientin schilderte, schwiegen die rund 90 anwesenden Psychiater beharrlich und verzichteten sogar auf die nach Vorträgen sonst übliche Diskussion.

Obwohl Alzheimer über das Desinteresse der Kollegen mehr als enttäuscht war, ließ er sich nicht entmutigen. Als er in München gegen seinen Willen zum geschäftsführenden Oberarzt der Psychiatrischen Universitätsklinik ernannt wurde, forschte er trotz aller zeitlichen Einschränkungen weiter. 1907 erschien sein Tübinger Vortrag endlich in einer Fachzeitschrift, fand aber auch dort kaum Resonanz. Erst 1910, als er seine Entlassung als Oberarzt durchgesetzt hatte und sich wieder ganz der Forschung widmen konnte, erfolgte der Durchbruch. Die „Alzheimersche Krankheit”, von einem Kollegen so benannt, fand zum ersten Mal Eingang in ein medizinisches Lehrbuch.

Alois Alzheimer selbst konnte die Ursachen für die von ihm erforschte Krankheit nicht finden. Auch heute noch tappt man diesbezüglich weitgehend im Dunkeln. So ist nach wie vor nicht eindeutig geklärt, ob die Proteinablagerungen in der Hirnrinde (die sogenannten „Plaques”) nun die Ursache der Krankheit sind oder bloß ihre Folge. Alzheimer starb jedenfalls am 19. Dezember 1915 im Alter von nur 51 Jahren in Breslau, wo er zuletzt als Direktor der königlichen Psychiatrischen Klinik gearbeitet hatte, und wurde in Frankfurt beigesetzt. Woran genau er starb, weiß man bis heute nicht. Der rasche Verfall der Gesundheit, Atemnot, Herzbeschwerden und Nierenversagen lassen aus heutiger Sicht am ehesten eine Viruserkrankung vermuten.

Werner Thelian