Alzheimer und andere Demenzerkrankungen: Wenn Menschen sich selbst verlieren!

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Über 100.000 Österreicherinnen und Österreicher leiden an fortschreitenden Demenzerkrankungen. Die meisten von ihnen unter der Alzheimer-Krankheit, gegen die es bis heute keine wirksame Therapie gibt. Selbst nach vorsichtigen Berechnungen von Experten könnten hierzulande bis zum Jahr 2050 bereits eine Viertelmillion Menschen unmittelbar betroffen sein. Obwohl die Demenz damit längst zur Volkskrankheit der älteren Generation geworden ist, sind große Teile der Bevölkerung noch nicht ausreichend über die Krankheit und das Schicksal der Betroffenen informiert.

Im Hinblick auf die Lebenserwartung hat der Mensch längst alle landlebenden Säugetiere weit hinter sich gelassen. Obwohl es weltweit nach wie vor beträchtliche regionale Unterschiede gibt, ist die Tendenz zum Älterwerden rund um den Globus unverkennbar. Aber ein höheres Lebensalter hat, wie sich immer häufiger zeigt, auch seinen Preis. Während Frau und Herr Österreicher heute nämlich durchaus damit rechnen können, ein Alter jenseits des 80. oder gar 90. Geburtstags zu erreichen, ist dieses Plus an Lebenszeit fast immer mit mehr oder weniger starken gesundheitlichen Problemen verbunden.

Statistiker rechnen vor, dass sich der Durchschnittseuropäer zwar 55 bis 60 Jahre seines Lebens einigermaßen guter Gesundheit erfreut, dass sich danach aber unter dem Einfluss des fortschreitenden Alters beträchtliche funktionale Einschränkungen ergeben, die nicht nur die Lebensqualität massiv beeinflussen, sondern auch bis hin zum allmählichen Verlust der Selbstständigkeit und Selbstbestimmtheit führen können. Kaum anderswo zeigt sich dieses Problem der älteren Generation deutlicher als bei den Demenzerkrankungen.

Alois Alzheimer entdeckte eine ganz neue Krankheit

Der deutsche Nervenarzt Dr. Alois Alzheimer (1864 – 1915) beschrieb zu Beginn des 20. Jahrhunderts als Erster jene Krankheit, die heute seinen Namen trägt und sich längst anschickt, zu einer echten Volkskrankheit der älteren Generation zu werden: Morbus Alzheimer oder auch die Alzheimersche Krankheit.

Entdeckt hat er die gefürchtete neurodegenerative Erkrankung ausgerechnet an einer Frau, die noch gar nicht sonderlich alt war – an der Patientin Auguste Deter (1849 – 1906). Im Alter von gerade einmal 51 Jahren zeigte Deter plötzlich verwirrte Krankheitserscheinungen, die sich zunächst u.a. in Form grundloser Eifersucht gegen ihren Mann äußerten. Dann verlegte sie immer häufiger Gegenstände, fühlte sich beobachtet und verfolgt und konnte bald auch einfache Tätigkeiten im Haushalt nicht mehr verrichten. Sie war zunehmend orientierungslos, litt unter fortschreitender Gedächtnisschwäche und wurde immer öfter von starken Stimmungsschwankungen heimgesucht, die sie mitunter auch aggressiv gegen die Nachbarn machten. Auguste Deter wurde in die Psychiatrische Klinik Frankfurt a.M. aufgenommen, wo sie in den Jahren 1901 und 1902 u.a. von Dr. Alois Alzheimer begleitet, behandelt und mit zunehmendem wissenschaftlichen Interesse beobachtet wurde.

Als die bereits bettlägerige Auguste Deter 1906 schließlich starb, ließ sich Alzheimer, der die Klinik einige Jahre zuvor verlassen hatte, die Krankenberichte und Deters Gehirn nachschicken, um es einer eingehenden mikroskopischen Untersuchung zu unterziehen. Danach berichtete er über eine „eigenartige Erkrankung der Hirnrinde“. Das Bild, das ihm das Mikroskop vermittelte, war geprägt von merkwürdigen Eiweißablagerungen (heute spricht man von „Plaques“), die sich über die gesamte Gehirnrinde verstreut fanden. In großflächigen Bereichen waren Milliarden von Nervenzellen zugrunde gegangen.

Noch im selben Jahr stellte Dr. Alzheimer seine Untersuchungsergebnisse im Rahmen einer Fachtagung in Tübingen vor und präsentierte den Kollegen den Fall „Auguste D.“ als Beispiel für eine offenbar neue und eigenständige Krankheit, die er selbst als „die Krankheit des Vergessens“ bezeichnete. Ähnliche Krankheitsprozesse, so Alzheimer, habe er in den letzten Jahren mehrfach gesehen.

Obwohl seit Alzheimers Befund über 100 Jahre vergangen sind und sich die nach ihm benannte Krankheit im Laufe der Zeit zu einer echten Volkskrankheit der älteren Generation entwickelt hat, weiß man heute noch immer viel zu wenig darüber. So ist nach wie vor nicht geklärt, ob die Proteinablagerungen im Gehirn und das Zugrundegehen der Nervenzellen die Ursachen der Krankheit sind oder bloß ihre Auswirkungen. Obwohl seit Jahrzehnten weltweit intensiv geforscht wird und mittlerweile jedes Jahr Dutzende neue Medikamente erprobt werden, sind Morbus Alzheimer und andere Demenzerkrankungen aus heutiger Sicht nicht heilbar. Gelungen ist es jedoch, immer bessere Methoden der Früherkennung zu entwickeln und so die Grundlage dafür zu schaffen, dass durch immer früher einsetzende Therapien der Verlauf der Erkrankung bis hin zur eigentlichen Demenz oft um Jahre verzögert werden kann.

Alzheimer ist bei weitem nicht die einzige Demenzerkrankung

Die Weltgesundheitsorganisation WHO geht davon aus, dass weltweit rund 40 Millionen Menschen an einer Demenzerkrankung leiden. Allein in Österreich gibt es über 100.000 unmittelbar Betroffene. Unter den Demenzerkrankungen ist die Alzheimer-Krankheit zwar die bekannteste und häufigste, aber bei weitem nicht die einzige.

Ein gutes und aktuelles Bild der Verteilung liefert die Österreichische Alzheimergesellschaft (ÖAG), die das Demenz-Datenprojekt „PRODEM-AUSTRIA“ betreibt, das mit österreichweiten Zahlen und Daten gefüttert wird. Demnach ist die Alzheimer-Krankheit für über 60 bis 80 Prozent aller Demenzen verantwortlich, gefolgt von der „vaskulären Demenz“, die oft nach mehreren kleinen und häufig unbemerkten Schlaganfällen auftritt, und der sogenannten Lewy-Körperchen-Demenz. Diese Form, bei der ein Mangel an wichtigen Botenstoffen im Gehirn im Mittelpunkt steht, kann entweder als eigenständige Erkrankung oder auch im Rahmen einer bereits bestehenden Parkinson-Erkrankung auftreten. Darüber hinaus kennt man eine Reihe weiterer und seltenerer Demenzen, die etwa durch Depressionen, Schilddrüsenfunktionsstörungen oder durch die langjährige Einnahme bestimmter Medikamente hervorgerufen werden können.

Die frühe Diagnose ist bei Demenzerkrankungen besonders wichtig

Dass mit zunehmendem Alter Gehirnzellen absterben, das Gedächtnis allmählich nachlässt und das Denken nicht mehr ganz so rege ist wie früher, ist zunächst eine völlig normale Entwicklung. Liegt jedoch eine echte Demenzerkrankung vor (Demenz von lt. „ohne Geist“), hat sich dieser im Alter natürliche Prozess unverhältnismäßig beschleunigt. Auf körperlicher Ebene werden Gehirnzellen in immer größerer Zahl geschädigt und sterben ab, und mit ihnen gehen im Laufe der verschiedenen Krankheitsstadien auch die kognitiven und sozialen Fähigkeiten verloren. Die Betroffenen büßen ihre Selbstständigkeit und Selbstbestimmtheit mit Fortschreiten der Erkrankung völlig ein und sind fortan auf Hilfe, Pflege und intensive Betreuung angewiesen.

Obwohl die Alzheimer-Demenz und andere Demenzformen aus heutiger Sicht nicht heilbar sind, können – gerade in der Anfangszeit – die Symptome der Erkrankung durch entsprechende medikamentöse Therapien gemildert werden. Das Fortschreiten der Erkrankung wird dadurch war nicht aufgehalten, aber mitunter deutlich gebremst. Die zu diesem Zweck entwickelten Medikamente basieren v.a. auf der Beobachtung, dass es bei Demenzpatienten neben dem Verlust von Nervenzellen auch zu einer Reduktion von chemischen Botenstoffen im Gehirn kommt. Hier setzen nun die modernen und weitgehend nebenwirkungsarmen Medikamente an, hemmen den Abbau der Botenstoffe und sorgen dadurch für eine höhere Konzentration im Gehirn. Dadurch gelingt es, die Gedächtnisleistung und die Störungen im Verhalten positiv zu beeinflussen und das vorhandene Beschwerdebild des Patienten für einige Zeit zu stabilisieren. Obwohl die Erkrankung nach wie vor vorhanden ist und auch weiter fortschreitet, bringt die medikamentöse Therapie eine zeitlich begrenzte Verbesserung der Lebensqualität.

Schon deshalb ist es wichtig, dass eine Demenz­erkrankung so früh wie möglich erkannt und eine fachärztliche Diagnose gestellt wird. Darüber hinaus müssen auch andere Erkrankungen ausgeschlossen werden, die unter Umständen ganz ähnliche Symptome hervorrufen können. Bei der ärztlichen Abklärung kommen heute verschiedene Methoden, meist in Kombination, zum Einsatz: Neben kognitiven Testverfahren und ausführlichen Gesprächen mit dem Patienten und seinen Angehörigen werden u.a. auch bildgebende Verfahren und die breite Palette labordiagnostischer Untersuchungen eingesetzt.

Werner Thelian

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